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Profil:Julia Nawalnaja

(Foto: Sergei Fadeichev/ Tass Publication)

Die Frau ohne Angst legt sich für ihren Mann und für Russland mit dem Kreml an.

Von Silke Bigalke, Moskau

Die Menschen vor dem Moskauer Flughafen hatten auf ihren Mann gewartet. Stattdessen kam am Sonntagabend Julia Nawalnaja zu ihnen, war schnell umringt und kaum zu hören zwischen Rufen, Hupen und Kameraklicken. Die 44-Jährige wiederholte die Kernbotschaft der Nawalnys, sie lautet: Wir haben keine Angst, also bitte habt auch keine. Dann stieg sie ins Auto.

Keine Angst zu haben, ist eine Lebensaufgabe dieser Frau, deren Mann sich schon vor langer Zeit für seine Überzeugungen entschieden hat. Alexej Nawalny weiß, was er damit riskiert - Freiheit, Unversehrtheit. Seine Frau Julia trägt diese Entscheidung mit, meistens ruhig von der Seitenlinie aus. Sie tritt nach vorne, wenn er nicht kann, weil er festgenommen wurde wie am Sonntag oder weil Schlimmeres passierte wie vergangenen Sommer. In letzter Zeit muss sie häufig einspringen. Manche suchen bereits die Politikerin in ihr, die Nawalny in der Opposition vertreten könnte.

Jedenfalls ist Julia Nawalnajas Rolle gewachsen, seit ihr Mann im August vergiftet wurde. Sie war es, die damals zu ihm ins Krankenhaus nach Omsk eilte. Als sie dem Journalisten und Youtube-Blogger Jurij Dud davon erzählte, wurde klar: Diese Frau weiß, wie sich Panik anfühlt. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie andere auffordert, tapfer zu sein.

Sie hat sogar an Putin persönlich geschrieben

Sie beschreibt den Flug nach Omsk, fast vier Stunden in der Luft, in der sie niemand über den Zustand ihres Mannes informieren kann. Die Reaktion der Ärzte dort, "die bestimmt etwas verheimlichten". Es gibt Videoaufnahmen von ihr aus diesen Tagen: Sie steht atemlos vor der Klinik, in schwarzem Rock und schwarzer Lederjacke. Aufgewühlt berichtet sie, die Ärzte wollten ihren Mann nicht ausfliegen lassen. Im Interview erinnert sie sich später daran, dass sie sich zusammenreißen musste. "Ich bin seine Frau. Wenn ich schwach werde, dann werden alle anderen der Reihe nach auch schwach." Sie hat ihn - mit Hilfe - dort rausgeholt, hat dafür sogar an Putin persönlich geschrieben. Die Nowaja Gaseta erklärte sie zur "Heldin des Jahres".

Natürlich mache er sich Sorgen um seine Familie, sagte Nawalny dem Spiegel, nachdem er aus dem Koma erwacht war. Was, wenn das Gift in ihrer Moskauer Wohnung platziert worden wäre, wo auch seine Frau und die beiden Kinder leben. Tochter Darja ist 19, Sohn Sachar zwölf Jahre alt. Ob er aus dieser Sorge Konsequenzen ziehe? Nawalny antwortete mit derselben Logik, nach der er immer wieder fast alles riskiert: Keinen Widerstand zu leisten gegen dieses System, das Menschen für ihre Meinung wegsperrt, bringe alle langfristig noch mehr in Gefahr.

Im September machte er seiner Frau eine Liebeserklärung auf Instagram. Er beschrieb seinen Dämmerzustand nach dem Koma. "Ich verbringe meine Zeit damit, darauf zu warten, wann sie kommt. Wer sie ist, ist unklar. Wie sie aussieht, weiß ich auch nicht. Aber sie ist anders, das ist mir klar." Liebe habe ihn geheilt, Julia habe ihn gerettet. Dahinter setzt dieser oft polternde, polarisierende Kremlkritiker ein Smiley mit Herzchen-Augen. Plötzlich ist die Ehe Thema in den russischen Medien.

Während er im Koma lag, verging ihr 20. Hochzeitstag. Bevor sie ihn kennenlernte, hat Julia Nawalnaja internationale Beziehungen studiert und bei einer Bank gearbeitet. Gerüchte, ihr verstorbener Vater sei beim Geheimdienst gewesen, weist sie als erfunden zurück. Nach ihrer Heirat half sie den Schwiegereltern, Korbmöbel zu verkaufen. Als Alexej sich immer mehr mit Politik beschäftigte, kümmerte sie sich um die Familie.

Ihr Mann solle weitermachen, sagt sie. So flog sie vor knapp einer Woche mit ihm nach Moskau. Obwohl sie wusste, dass die Stunden im Flieger womöglich lange ihre letzten gemeinsamen in Freiheit waren. Inzwischen sitzt Nawalny in Untersuchungshaft. Für diesen Samstag ruft sein Team zum Protest auf, seine Frau wird hingehen. "Ljoscha, du bist mein Seelenverwandter", schreibt sie auf Instagram. "Und ich werde immer für dich kämpfen."

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