Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus:"Unter dieser Haut sind wir alle gleich"

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Vor 80 Jahren wurde Inge Auerbacher ins KZ Theresienstadt deportiert. Heute setzt sich die Holocaust-Überlebende sich für Toleranz zwischen Religionen ein - und spricht am Donnerstag im Bundestag.

Von Ramona Dinauer

Das Pfeifen einer Eisenbahnlokomotive, eine Uniform oder hohe schwarze Stiefel - alltägliche Dinge wie diese versetzten Inge Auerbacher auch Jahrzehnte später noch in die Zeit, als für sie ein Albtraum begann. Im Jahr 1942 wird sie als Siebenjährige von einem "Sammelplatz" in Göppingen gemeinsam mit ihren Eltern in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. "Meine nächsten drei Geburtstage standen im Zeichen dieses Albtraums", schreibt Auerbacher in ihrer Autobiografie "Ich bin ein Stern".

An diesem Donnerstag wird Auerbacher im Deutschen Bundestag zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus sprechen. Anlass ist der 77. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. Seit Jahrzehnten klärt die 87-Jährige mit Büchern und Vorträgen über den Holocaust auf, 2019 sprach sie vor den Vereinten Nationen. Vor allem Jugendliche möchte sie mit ihrer Geschichte erreichen. In den USA, Deutschland und Kanada erzählt sie Schulklassen, wie sie zwischen Ratten, Flöhen und Scharlach-Kranken in Theresienstadt lebte, eingesperrt von Mauern und Stacheldraht. Dabei hatte sie oft ihre Puppe Marlene, die all das mit ihr durchmachte.

Vor einigen Jahren sprach Auerbacher in einer Grundschule nahe ihrem Heimatort Kippenheim in Baden-Württemberg. "Schätzt jeden Menschen, egal welche Hautfarbe und welche Religion er hat", sagte sie. "Ich will immer noch mit dem Herzen denken und glauben, dass die meisten Menschen gut sind." Inge Auerbacher war 1934 das letzte jüdische Kind, das in Kippenheim geboren wurde. Ihr Vater, der im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden war und das Eiserne Kreuz erhalten hatte, wurde 1938 in der Reichspogromnacht verhaftet und für einige Wochen in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Die örtliche Grundschule durfte die kleine Inge schon nicht mehr besuchen. Mit sechs Jahren musste sie jeden Tag allein mit dem Zug eine Stunde nach Stuttgart in die jüdische Schule fahren, gemieden wegen des Sterns auf der Jacke. Nach nur einem halben Jahr endete ihre Schulzeit, als die Auerbachers in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden.

Drei Jahre lebte die Familie dort im Vorzeige-KZ der Nazis, das eine heile Welt vorgaukeln sollte. Tatsächlich war für viele Juden Theresienstadt als Zwischenstopp vor Auschwitz vorgesehen. Etwa 35 000 Menschen starben bereits unter den tatsächlich erbärmlichen Bedingungen im Ghetto, auch viele Verwandte der Auerbachers. Inge Auerbacher und ihren Eltern überlebten und wurden 1945 von den sowjetischen Truppen befreit.

Ein Jahr später wanderte die Familie in die Vereinigten Staaten aus. Gezeichnet von der Unterversorgung im Konzentrationslager Theresienstadt erkrankte Auerbacher dort schwer. Trotz zweier im Krankenhaus verlorener Schuljahre machte sie 1953 ihren Abschluss, studierte Biochemie und arbeite 38 Jahre lang als Chemikerin in den USA. Immer schon hatte sie Gedichte über ihre Erlebnisse in Deutschland geschrieben, sich aber nicht öffentlich geäußert. 1981 aber wurde ihr Gedicht "We Shall Never Forget" als Lied bei der ersten Weltversammlung jüdischer Holocaust-Überlebender in Jerusalem gesungen. Seitdem ist Auerbacher zu einer Erzählerin ihrer Geschichte und einer Sprecherin gegen Rassismus geworden.

Und so lautet einer der Schlüsselsätze dieser Holocaust-Überlebenden an ihre Zuhörer: "Ihr seid einfach anders als wir? Nein! Wir sind wir, unter dieser Haut sind wir alle gleich." Heute wohnt sie in New York in einem Reihenhaus im Stadtteil Queens - Wand an Wand mit einer hinduistischen, einer muslimischen und einer christlichen Familie. Die Jüdin Inge Auerbacher und die drei Parteien kennen sich gut, sie leben friedlich miteinander. So zu leben, so beendet Inge Auerbacher oft ihre Vorträge, sei ihr Wunsch für die ganze Welt.

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