Profil:Eine Pionierin aus Piräus

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Profil: Die Pionierin aus Piräus: Melina Travlou.

Die Pionierin aus Piräus: Melina Travlou.

(Foto: Christiane Schlötzer)

Melina Travlou ist die mächtigste Reederin der Seefahrernation Griechenland, ihre haushohen Schiffe transportieren Autos über die Weltmeere. Nach der Pandemie bringt der Krieg nun auch ihre Branche unter Druck.

Von Christiane Schlötzer

Griechenland hat bereits seit zwei Jahren eine Staatspräsidentin, und nun werden auch die griechischen Reeder, die für das Land gewiss nicht weniger wichtig sind als seine Politiker, erstmals von einer Frau geführt, von Melina Travlou. Reederin aus Piräus, 55 Jahre alt, Chefin der Neptune Lines, Besonderheit: haushohe Spezialschiffe zum Autotransport. In der Seefahrernation Griechenland, der Heimat von Odysseus und Onassis, hat sich schon seit einer Weile der Wind gedreht. Immer öfter übernehmen die Töchter von ihren Vätern die Nachfolge im Geschäft auf den Weltmeeren, was früher allein den Söhnen vorbehalten war.

Bei der Präsidentenwahl im gut 100 Jahre alten Verband der griechischen Reeder, die mehr als 2200 Schiffe besitzen und damit die größte europäische Flotte, landete auch auf Platz zwei diesmal eine Frau. Unter 42 Bewerbern waren sieben Frauen. Schon als 15-Jährige habe sie angefangen, in den Sommerferien ihrem Vater Nikos zu helfen, erzählt Travlou. "Ich war das einzige Kind, so war ich Tochter und Sohn zugleich." Der Vater gründete sein Unternehmen Mitte der Siebzigerjahre. Die ersten Autos transportierte er aus der Türkei, wo Renault fertigen lässt. Als die Autos immer größer wurden, wuchsen auch die Schiffe. Es sind inzwischen dickbauchige Riesenfrachter wie die Felicity Ace, die Anfang März mit 4000 Fahrzeugen an Bord nach einem Brand vor den Azoren unterging. Dies war keiner von Travlous Transportern, aber das Unglück erinnerte daran, dass neue Autos heute oft erst um die halbe Welt schwimmen, bevor sie zu ihren Kunden kommen.

Travlou studierte Wirtschaft in Boston und kehrte nach Griechenland zurück. 2014 starb ihr Vater, da übernahm sie das Geschäft. Ihr Büro, elegant und großzügig, liegt in Piräus, unweit der Hafenanlagen. Viele Reeder haben ihre Niederlassungen in den letzten Jahren weg vom Hafen in den Norden Athens verlegt, wo es grüner und ruhiger ist. Melina Travlou aber sagt, "ich mag es, wenn ich das Meer rieche". Piräus ist überwiegend schlicht und ärmlich, das hat sich auch nicht geändert, nachdem ein chinesischer Staatskonzern sämtliche Kaianlagen übernommen hatte. Peking hat viele neue Frachtkräne im Containerhafen aufgestellt, die Kapazitäten ausgebaut. Piräus ist der erste Tiefseehafen nach dem Suezkanal, hat als Warenumschlagplatz hohe strategische Bedeutung und ist für China zentrale Etappe einer neuen Seidenstraße.

Auf einem Bildschirm an der Wand ihres Büros verfolgt die Reederin in Echtzeit, wo sich eines ihrer eineinhalb Dutzend Schiffe gerade befindet. In Griechenland ist sie die Einzige im Geschäft mit den Autos, ihre Schiffe laufen etwa 30 Häfen an, vom Mittelmeer bis Nordeuropa. Es ist eine hart umkämpfte Branche, in der asiatische und europäische Firmen aus den großen Autoländern dominieren. Griechenland hat keine Autoindustrie. Travlou ist es trotzdem gelungen, ihre Flotte stetig zu erweitern. Mehr als eine Million Fahrzeuge transportiert sie im Jahr.

Maximal zwölf Stunden soll das Beladen und Entladen ihrer Frachtriesen in einem Hafen dauern, das war das Maß, bevor die Pandemie vieles durcheinanderbrachte. Und jetzt der Ukraine-Krieg: Travlous Reederei kann den russischen Schwarzmeerhafen Novorossiysk nicht mehr bedienen. Der Krieg ändert nicht nur Transportrouten, er treibt auch die Preise für Schiffsdiesel in die die Höhe. Das wird weltweit viele Transporte verteuern. In Piräus erzählen sie in diesen Tagen auch von russischen Öltankern, die keinen Hafen mehr finden. Wie Geisterschiffe auf den Meeren.

Travlous Büro ziert zerbrechliche Kunst, Werke ihrer Mutter Maritza, einer Porzellan- und Glaskünstlerin. Ihre Mutter habe sie wie ihr Vater unterstützt, als sie ins maritime Business einstieg, sagt die Unternehmerin, die selbst eine erwachsene Tochter hat. Die Staatspräsidentin hat die erste Reeder-Chefin schon empfangen, um ihr zu gratulieren.

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