Berlin:"Was kann ich schon bewirken?"

Berlin: Ender Çetin, Imam in Berlin-Plötzensee, hier bei seiner Ausbildung am Islamkolleg Deutschland in Osnabrück.

Ender Çetin, Imam in Berlin-Plötzensee, hier bei seiner Ausbildung am Islamkolleg Deutschland in Osnabrück.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Der Imam Ender Çetin hat in diesen Tagen eine Mission: Menschen muslimischen Glaubens zum Wählen zu ermuntern.

Von Jan Heidtmann

In einigen Berliner Moscheen ging es am Freitag sehr weltlich zu. Über sperrige Begriffe wie "Bezirksverordnetenversammlung" sprachen die Imame da, übers Abgeordnetenhaus, auch über Erst- und Zweitstimme. Etwa dreißig Jugendliche haben bei Imam Ender Çetin zugehört, seine Moschee ist ein eher karger Raum in der Jugendstrafanstalt Berlin im Ortsteil Plötzensee. Doch auch hier ging es um die Frage, die Çetin und seine Mitstreiter beschäftigt: "Wie bringen wir mehr Muslime dazu, am Sonntag zu wählen?"

Viele Menschen muslimischen Glaubens wollten den Sinn von Wahlen gar nicht recht erkennen, meint Çetin. "Wir Muslime werden eh nicht gesehen", das höre er immer wieder, oder die klagende Frage: "Was kann ich schon bewirken?" Ein Phänomen, das sich auch statistisch belegen lässt: In Umfragen liegt der Anteil der deutschen Muslime, die zur Wahl gehen wollen, regelmäßig signifikant unter dem Anteil der Gesamtbevölkerung. "Wir wollen ein Zeichen setzen, dass sich auch Muslime beteiligen sollen", sagt Çetin. "Denn so können wir unser Land, unsere Stadt mitgestalten."

Er will zeigen, dass Islam und Demokratie sich vertragen

Die Idee für diese Initiative kam eher zufällig. Ende August hatten sich die 15 Imame in einer Begegnungsstätte im Berliner Bezirk Neukölln getroffen. Allein dies sei schon erstaunlich gewesen, erzählt Çetin. "Es ist sehr, sehr selten, dass man zusammenkommt." Es gibt keinen Dachverband der rund 100 Moscheen in Berlin, und die Art und Weise, wie gepredigt werde, sei sehr unterschiedlich. Çetin, 45, war selber früher einmal Vorsitzender einer Moschee des Verbandes Ditib. 2017 sei er aber dann herausgedrängt worden. Die neue Leitung habe ihn für zu liberal gehalten, sagt er.

Seitdem versucht Çetin auf unterschiedlichsten Wegen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu vermitteln. Den größten Teil seiner Zeit verbringt er dafür in Schulen, die ihn und einen Rabbiner einladen, dort Toleranz zu lehren. Oft ist das der Fall, wenn es in Klassen zu Übergriffen kommt - wie im vergangenen November. Damals hatte ein elfjähriger Junge seiner Lehrerin gedroht, sie zu enthaupten. Auslöser war eine Gedenkminute für Samuel Paty gewesen, den ermordeten Lehrer aus Paris.

Außerdem besucht Çetin drei- bis viermal in der Woche muslimische Jugendliche in der Strafanstalt. "Bei einigen gibt es die Auffassung, dass es eine Schande ist, wählen zu gehen. Weil man so ein falsches System unterstütze", sagt Cetin. "Auch denen wollten wir zeigen, dass wir diese Wahlen unterstützen, dass sie sich sehr wohl mit dem Islam vertragen."

Rund 100 000 Muslime in Berlin sind wahlberechtigt

Tatsächlich seien es nur sehr wenige Muslime, die eine solch radikale Haltung teilten. Dennoch gebe es in der Gemeinschaft eine Distanz, die sich bei der Wahlbeteiligung bemerkbar mache. Daran hätten auch die Parteien selbst ihren Anteil. Viele Muslime würden sich von der Wahlwerbung kaum angesprochen fühlen. Setze sich dann doch mal jemand mit ihren Themen auseinander, werde das sofort registriert. "Jürgen Todenhöfer ist sehr bekannt in der Community", weiß Çetin. Der ehemalige CDU-Politiker hat sich als Publizist durch seine vermittelnde Haltung auch gegenüber Islamisten einen Namen gemacht. Bei der Bundestagswahl tritt er mit einer eigenen Partei an. "Da sagen manche, den wähle ich jetzt."

In Berlin ist am Sonntag neben der Bundestagswahl gleichzeitig die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Çetin und ein paar weitere Imame haben deshalb eine Art Volkshochschulprogramm ins Leben gerufen. In mehreren Veranstaltungen haben sie die Wahlprogramme der Parteien genauer untersucht: Wie stehen sie zum Kopftuch? Wie zum Bau von Moscheen? "Oder ganz schlicht: Wie oft kommt das Wort Islam vor?" Auf Youtube wiederum erklärt Çetin, wie sich über die sperrige Bezirksverordnetenversammlung Einfluss nehmen lässt. "Es geht nämlich um etwas", sagt er. Rund 100 000 Muslime in Berlin sind wahlberechtigt. Das sind eine Menge Stimmen, vor allem, wenn es an diesem Sonntag so knapp wird wie prognostiziert.

© SZ/jsl
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