Polen:Er will da bleiben

Lesezeit: 2 min

Polen: Hamadi Mballo hat das Schicksal eher zufällig nach Polen verschlagen, nun möchte er bleiben.

Hamadi Mballo hat das Schicksal eher zufällig nach Polen verschlagen, nun möchte er bleiben.

(Foto: privat)

Hamadi Mballo aus Senegal wuchs im selben Ort auf wie Sadio Mané und flüchtete über Belarus nach Polen. Dort bleiben Flüchtlinge nur selten, doch er will sich eine Heimat aufbauen. Und ihm wird dabei geholfen.

Von Viktoria Großmann

Hamadi Mballo verbringt die Tage nun wieder mitten im Wald, eine halbe Stunde entfernt von der ostpolnischen Großstadt Białystok und 20 Kilometer von der belarussischen Grenze. Diesmal ist der Wald für ihn keine Gefahr, er gibt ihm Ruhe. Denn er lebt bei Freunden, bei seiner neuen Familie, wie er sie nennt.

Mballo stammt aus Senegal. Vor einem Jahr kam er aus Russland über Belarus nach Polen. Seit Ende Juli zieht sich ein fünfeinhalb Meter hoher Grenzzaun durch den Wald, bewacht von bewaffneten Soldaten. Doch Flüchtlinge kommen immer noch. Fast keiner will in Polen bleiben. Hamadi Mballo will.

"Ich habe hier Freunde gefunden", erzählt er. Der schmale junge Mann sitzt auf dem Sofa im Einfamilienhaus der Familie, die ihn bei sich aufgenommen hat. Ständig fordert ihn jemand auf, zu essen, aber Mballo hat keinen Appetit. Kürzlich hatte er einen Nervenzusammenbruch, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Hamadi Mballos Freunde und Unterstützer haben nun eine Petition gestartet. Sie wollen beweisen, so schreiben sie, "dass in Polen nicht nur Grausamkeit und Rassismus herrschen".

Solche Aktionen sind selten in Polen. Das liegt auch daran, dass es so wenige Asylanträge gibt. Von 5500 im ersten Halbjahr 2022 wurden gerade 2300 genehmigt, die meisten wurden von Menschen aus Belarus gestellt. Flüchtlinge aus anderen Weltgegenden werden von der rechtspopulistischen Regierung grundsätzlich als Gefahr bezeichnet.

Auf der Flucht starben seine Brüder - seine Familie macht ihn dafür verantwortlich

Nach Senegal könne er nicht zurück, erzählt Mballo. Der Vater sei gestorben, nachdem er in einem blutigen Konflikt im Süden Senegals von Rebellen entführt und gefoltert worden war. Auch die Mutter sei tot. Mballo ist der älteste von vier Brüdern. Zwei starben auf der Flucht durch die endlosen Wälder zwischen Belarus und Polen, sie waren 18 und 22 Jahre alt. Einer sei von einer Giftschlange gebissen worden, der andere habe völlig entkräftet Wasser aus den Sümpfen getrunken. Durchfall, Erbrechen, Fieber waren die Folge. "Sie sagen dir, du brauchst drei bis fünf Tage zur Grenze", erzählt Mballo. "Aber es ist eine Strecke von zwei Wochen."

Hamadi Mballo versuchte, seine Brüder im Wald zu beerdigen. Er selbst wurde irgendwann von polnischen Grenzbeamten aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Seine Verwandten hätten den Kontakt zu ihm abgebrochen, weil sie ihn für den Tod seiner Brüder verantwortlich machten. Der jüngste seiner Brüder ist in Libyen und will übers Mittelmeer nach Europa fliehen.

Mballo stammt aus Bambali. Auf seinem Handy zeigt er ein Foto mit dem Bayern-Fußballer Sadio Mané - der kommt aus demselben Ort. Ihm selbst sei die Schule wichtiger gewesen als Fußball. Er ging nach Dakar, machte seinen Abschluss, erhielt ein Stipendium für ein Studium in Russland. Zwei Brüder nahm er mit, um für sie zu sorgen. Doch das Stipendium wurde nicht verlängert, Arbeit fanden sie nicht, Geld für die Rückreise hatten die drei nicht.

Nach dem Krankenhausaufenthalt kam Mballo in drei geschlossene Flüchtlingslager nacheinander, Hunderte Menschen auf engem Raum, bewacht von Soldaten mit Hunden, so beschreibt er es. Dank einer polnischen Hilfsorganisation fand er schließlich eine private Unterkunft.

Mballo spricht neben seiner Muttersprache Französisch auch Portugiesisch, Englisch, lernte ein Jahr lang Russisch und nun Polnisch. Neben ihm auf dem Sofa liegt das Buch "Ébène" von Ryszard Kapuściński auf Französisch. "So weit bin ich schon", sagt er lächelnd und zeigt auf das Lesezeichen in der Mitte des Buches. In Białystok hat er angefangen, Französisch zu unterrichten, an einer Schule. Ehrenamtlich, ohne Geld, eine Arbeitserlaubnis hat er nicht. Ja, er spüre Rassismus auf der Straße, es habe bedrohliche Situationen gegeben, sagt er, und doch: "Ich fühle mich hier zu Hause."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema