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Profil:Pharrell Williams

Musiker, dessen Cousin bei einem Polizeieinsatz erschossen wurde.

Von Juliane Liebert

Pharrell Williams ist einer der erfolgreichsten Popmusik-Produzenten und -Interpreten der vergangenen zwanzig Jahre. Mit Daft Punks "Get Lucky" hat er 2013 einen der berühmtesten Songs der Zehnerjahre gesungen. Jetzt fordert er eine bundesbehördliche Untersuchung des Todes seines Cousins.

Donovon Wayne Lynch wurde Ende März im Alter von 25 Jahren bei einem Polizeieinsatz in Virginia Beach erschossen. Zuvor hatte es mehrere Schießereien gegeben, insgesamt starben zwei Menschen, es gab acht Verletzte. Die Umstände sind weitgehend ungeklärt.

Er wurde nie zum unnahbaren Star

Pharrell ist sonst eher für seine Kreativität bekannt. 2016 ging ein Video aus der New Yorker Tisch School viral: Die Studentin Maggie Rogers spielte Pharrell Williams ihren Song "Alaska" vor, in der Hoffnung auf konstruktives Feedback. Der staunte stattdessen. Die Überraschung zeigte sich auf seinem Gesicht wie bei einem Kind, das die Welt neu entdeckt. Sein Staunen ging um die Welt - und machte die Studentin über Nacht zu einer etablierten Popmusikerin. Unter vielen Begabungen ist das nicht seine geringste, egal, wie viele Hits er auch produziert und aufgeführt hat — viele davon gemeinsam mit Chad Hugo unter dem Label "Neptunes". Von Kelis' "Milkshake" über Snoop Doggs "Drop It Like It's Hot" und Robin Thickes "Blurred Lines" bis zur Euphorie-Single "Happy".

Williams wurde nie zum unnahbaren, abgehobenen Star, sondern bewahrt sich auch mit 48 noch die Ausstrahlung des begeisterungsfähigen Jungen. Seine Band heißt N.E.R.D. und klingt auch ein wenig so. Als Produzent und Solokünstler ist er dagegen auf unerbittliche Hits ohne jeden Firlefanz abonniert. Reduktion auf den Groove, ein Schuss feine Ironie, perfekt gesetzte Stopps und, wo nötig, eine Melodie zum Verlieben. Oft im Falsett gesungen, dank dem selbst ein Kinderfilmlied wie "Happy" absolut elegant klingt.

"Ohrwürmer" wären eine viel zu vulgäre Bezeichnung für seine Songs, denn von plumpen Chart-Schablonen sind sie frei. Es sind Ohrschmetterlinge. Freundlich, sexy und cool. Aufgrund dieser Qualitäten wurde Williams von der (weißen) Popkritik so überschwänglich umarmt, dass trotz seiner Zusammenarbeit mit Hip-Hop-Künstlern und den unüberhörbaren Black-Music-Wurzeln seines Songwritings seine afroamerikanische Abstammung kaum Beachtung fand. Spätestens eine von ihm herausgegebene Sonderausgabe des Time Magazine über Rassismus brachte sie 2020 in Erinnerung. Nun ist es ein Todesfall in Williams' Familie.

Er ist politisch bewusst, aber eines bestimmt nicht: eine Symbolfigur radikaler Identitätspolitik

Sein Aufruf via Instagram erreicht die Öffentlichkeit kurz nach dem Auftakt des Prozesses gegen den mutmaßlichen Mörder George Floyds. Ein Verbrechen, das auf Video dokumentiert wurde und über Monate Massenproteste gegen Polizeigewalt und erhitzte Debatten über Rassismus auslöste, während die Regierung Trump Öl ins Feuer goss. Williams spricht, wenn er Aufklärung verlangt, als Schwarzer, aber ebenso als prominenter US-Bürger.

Wie seinerzeit Walt Whitman könnte er "I contain multitudes" von sich sagen, ich enthalte so Vieles; er ist politisch bewusst, aber eines bestimmt nicht: eine Symbolfigur radikaler Identitätspolitik. Umso mehr Gewicht hat es, wenn nun dieser entwaffnend sympathische Musiker, der für Style, Großzügigkeit und nachhaltigen Erfolg, aber nicht für Skandale und Allüren steht, um einen durch Polizisten getöteten Verwandten trauert. Auf seinen Social-Media-Accounts schrieb er, dass es zu viele unbeantwortete Fragen gebe: "Bei allem Respekt, ich fordere eine Untersuchung durch die Bundesbehörden."

Was sich am frühen Morgen des 27. März in seiner Heimatstadt Virginia Beach genau zugetragen hat, ist unklar. Der Fall wirft jedoch erneut ein Schlaglicht darauf, wie tief das Problem tödlicher Gewalt durch Schusswaffen die amerikanische Gesellschaft durchdringt. Immer wieder geht sie von Polizisten aus. Immer wieder sterben People of Color.

© SZ/fzg
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