Tarifverhandlungen:Da geht doch was in der Pflege

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Tarifverhandlungen: Wochenlang haben sich Pflegekräfte in Nordrhein-Westfalen gegen katastrophale Arbeitsbedingungen gewehrt.

Wochenlang haben sich Pflegekräfte in Nordrhein-Westfalen gegen katastrophale Arbeitsbedingungen gewehrt.

(Foto: Roland Weihrauch/dpa)

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind traditionell schlecht organisiert, weshalb sie sich schwertun, selbst berechtigte Forderungen durchzusetzen. Dabei zeigen die Streiks an den Uni-Kliniken in Nordrhein-Westfalen: Widerstand lohnt sich.

Kommentar von Rainer Stadler

Der erfolgreiche Streik der Beschäftigten in den sechs Universitätskliniken Nordrhein-Westfalens könnte eine Zeitenwende bedeuten, insbesondere für die Pflegekräfte. Wochenlang haben sie sich - zusammen mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Krankenhäuser - gegen die katastrophalen Arbeitsbedingungen gewehrt, die schon viel zu lange ihr Alltag sind. Künftig wird ein Tarifvertrag festschreiben, wie viele Patienten jeder Beschäftigte versorgen kann und wann eine Station als überlastet gilt. Die Überlastung ist dann nicht mehr der Normalfall wie in so vielen anderen Einrichtungen, wo gepflegt wird. Und wenn doch mehr Arbeit anfällt, als eigentlich zu bewältigen ist, erhalten die Mitarbeiter freie Tage zur Erholung. Eine Selbstverständlichkeit in vielen Berufen - für die Pflege ein Riesenerfolg.

Natürlich war der Streik heikel: mitten in der Pandemie, bei ohnehin knapper Besetzung auf vielen Stationen. Tausende Patienten mussten auf wichtige Behandlungen und Eingriffe warten. Die Krankenhäuser selbst haben geblutet, weil ihre finanzielle Situation nach zwei Jahren Pandemie prekär ist und sie eigentlich auf Einnahmen angewiesen wären - die lassen sich vor allem durch OPs generieren. Aber der Streik war auch eine Art Operation.

Das System kollabiert

Eine Operation bedeutet einen Eingriff in die Integrität des Körpers. Die dabei entstehende Verletzung ist die Voraussetzung für die anschließende Heilung. Der Streik war ein Eingriff in die Integrität der Krankenhäuser, um die es ohnehin nicht gut steht. Beschäftigte der nordrhein-westfälischen Unikliniken haben flankierend zu ihren Aktionen auf der Straße im Internet ein "Schwarzbuch Krankenhaus" veröffentlicht, mit Fallgeschichten aus ihrem Berufsleben. Sie tragen Überschriften wie "Atemlos durch die 24h-Schicht", "Er zappelt, aber da kommt keiner", "Nicht einmal zur Sterbebegleitung hatte ich Zeit" oder "Nachtdienst allein in der Notaufnahme". Die Botschaft dahinter: Die Versorgung in den bestreikten Häusern ist nicht sichergestellt, ein Aufenthalt dort mitunter gefährlich für Leib und Leben. Das System kollabiert.

Pflegekräfte sind traditionell schlecht organisiert, nur etwa zehn Prozent gehören der Gewerkschaft an. Obwohl Corona gezeigt hat, wie wichtig sie sind für eine fachgerechte wie menschenwürdige Versorgung, gelingt es ihnen kaum, berechtigte Forderungen politisch durchzusetzen. Nicht wenige Arbeitgeber nutzen diese Schwäche aus. Die Pflegekräfte in Nordrhein-Westfalen haben gezeigt, dass sich Widerstand lohnt. Und dass sie noch stärker auftreten können, wenn sie das gemeinsam mit anderen Fachrichtungen des Gesundheitswesens tun, am besten auch mit Ärztinnen oder Sanitätern, die ebenfalls unter dem Spardiktat der Branche leiden.

Und die Allgemeinheit hat auch etwas davon

Auch für die Allgemeinheit ist es eine gute Nachricht, wenn Pflegekräfte mehr Zeit haben, sich um einzelne Patienten zu kümmern. Doch die Entlastung hat ihren Preis: Kliniken müssen dann ihre Bettenzahl reduzieren, können weniger kranke Menschen aufnehmen. Was passiert mit denjenigen, die keinen Platz mehr im Krankenhaus finden? Und wo kommen die hilfsbereiten Menschen her, die es auch künftig braucht, um eine intakte Versorgung zu erhalten - und eine humane Gesellschaft? Pflegekräfte sollten besser bezahlt werden, lautet die Standardantwort. Bei den Streiks in Nordrhein-Westfalen ging es aber nicht ums Geld.

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