Süddeutsche Zeitung

Organisiertes Verbrechen:Flexibel, vernetzt, brutal

Das Attentat auf den niederländischen Journalisten Peter de Vries zeigt: Nicht allein Terroristen fordern die Demokratie und die Zivilgesellschaft heraus.

Von Nicolas Richter

Angriffe auf Journalisten in Europa sind ein verlässliches Zeichen dafür, dass in den jeweiligen Ländern Grundsätzliches im Argen liegt. Im Jahr 2017 wurde Daphne Caruana Galizia ermordet, ein Symptom des kriminellen Filzes in Malta. 2018 traf es Ján Kuciak, der in der Slowakei Steuerdelikte aufgedeckt hatte. In beiden Ländern lösten die Morde Grundsatzdebatten über die Verflechtung von Macht und organisiertem Verbrechen aus. Nach dem Anschlag auf den Journalisten Peter de Vries in Amsterdam werden nun auch die Niederländer grundsätzlich. Wie schon in Malta und der Slowakei ist klar: Gesellschaften, in der Journalisten um ihr Leben fürchten, sind in schlimmer Verfassung.

Daran ändert auch der Umstand nichts, dass de Vries wohl weniger wegen journalistischer Enthüllungen angegriffen wurde, sondern weil er im Strafprozess gegen einen Drogenboss einen Kronzeugen unterstützte. In welcher Rolle auch immer: de Vries will die Wahrheit ans Licht bringen. Ob dies in einem Blog, einer Fernsehshow oder eben vor Gericht geschieht, ist unerheblich. Für eine freiheitliche Gesellschaft ist entscheidend, dass sich jemand ausdrücken kann, ohne um seine körperliche Unversehrtheit zu fürchten.

Es gibt einen berühmten Satz aus dem "Paten". Leider ist er überhaupt nicht tröstlich

Leider ist dies auch in westlichen Demokratien nicht mehr selbstverständlich. Politische Journalisten werden angefeindet und unter Druck gesetzt wie noch nie, in den sozialen Medien, aber auch durch Staats- und Regierungschefs wie (einst) Donald Trump und Viktor Orbán. Noch größer ist die Bedrohung für investigative Reporter, die Verbrecher herausfordern und mit tödlicher Rache rechnen müssen.

Allerdings offenbart der Angriff auf Peter de Vries nicht nur Gefahren für Journalisten. Vielmehr erinnert er an Macht und Skrupellosigkeit des organisierten Verbrechens in Europa. Zwar gelten die Niederlande als funktionierende Demokratie, aber auch hier scheint der Staat im Kampf gegen den Kokainschmuggel die Kontrolle zu verlieren. Die Mitglieder verschiedener Banden bringen sich nicht nur gegenseitig um, sondern alle, die sich in den Weg stellen, das können auch Anwälte oder eben Journalisten sein.

In Deutschland erinnern Ermittler daran, dass das organisierte Verbrechen nicht verschwunden sei, bloß weil es von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werde. Vielmehr haben kriminelle Banden gelernt, dass Diskretion am besten ist fürs Geschäft. Gleichzeitig gibt es auch hier zuweilen den Willen und die Mittel, Feinde mit einer Bluttat zu bestrafen - sogar in Kreisen weitab des harten Drogengeschäfts. Im vergangenen Jahr wurde ein deutscher Geschäftsmann in Frankfurt verurteilt wegen des Vorwurfs, er habe Kriminelle angeheuert, um auf einen Widersacher zu schießen.

Die Öffentlichkeit hat sich zuletzt viel mit Terror und politischer Radikalisierung beschäftigt, aber es lauern auch andere Gefahren für den Rechtsstaat und dessen Gewaltmonopol. Dazu gehören moderne Verbrechersyndikate, die flexibel, vernetzt und äußerst brutal sind. Die Europäer müssen über die Macht der Rauschgifthändler diskutieren, über die Verfügbarkeit von Waffen im Netz und über die wachsenden Gefahren für all jene, die sich Verbrechern in den Weg stellen. All dies sind Probleme, die nicht nur Journalisten berühren. Der bekannte Satz aus "Der Pate" über Auftragsmorde, "es ist nicht persönlich, es ist rein geschäftlich", er war noch nie tröstlich, vor allem gilt er längst nicht mehr nur in New York. Auch in Europa tötet man fürs Geschäft.

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