Oskar Lafontaine:Trauriges Ende eines Besonderen

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Oskar Lafontaine: Da war er noch was: Oskar Lafontaine, frisch gewählter Fraktionsvorsitzender der Linkspartei, vor der ersten Sitzung im Bundestag im September 2005.

Da war er noch was: Oskar Lafontaine, frisch gewählter Fraktionsvorsitzender der Linkspartei, vor der ersten Sitzung im Bundestag im September 2005.

(Foto: Thomas Koehler /imago/photothek)

Zwischen Leidenschaft und Egozentrik: Ex-SPD-Chef, Ex-Finanzminister und Ex-Linken-Vorsitzender Oskar Lafontaine ist fast 30 Jahre durch Deutschlands Politik gewirbelt. Jetzt scheitert er an einer Provinzposse. Was für ein Abgang.

Kommentar von Stefan Braun

Im Saarland fing Oskar Lafontaines Geschichte an, und im Saarland geht sie erschöpft zu Ende. Als ob das Leben, selbst dieses politisch große, sich zum Schluss in einem Kreis schließen möchte. Oskar Lafontaine - was war das für ein forscher, frecher, intelligenter, mit seiner Leidenschaft ansteckender junger Ministerpräsident. Und was ist er für eine traurig-tragische Figur geworden, die Jahrzehnte später an einer Provinzposse in einer marginalisierten saarländischen Linkspartei scheitert. Der Ex-SPD-Vorsitzende, Ex-Bundesfinanzminister und Ex-Linken-Chef endet politisch dort, wo er einst begann: mit einem großen Start und einem bitteren Abgang.

Dazwischen freilich lag eine Karriere, wie es sie selten gegeben hat in der Bundesrepublik. Wie kaum jemand sonst hat der heute 78-Jährige die Geschichte des Landes immer wieder mächtig durchgeschüttelt. Ohne ihn wäre Gerhard Schröder 1998 nicht Bundeskanzler geworden. Lafontaine war es, der die SPD 1995 auf dem denkwürdigen Mannheimer Parteitag aus einer großen Lethargie riss. Und er war es auch, der Schröder drei Jahre nicht nur die linke Hälfte der SPD sicherte, sondern zugleich Platz machte für den, der die besseren Wahlchancen gegen Helmut Kohl hatte.

Und Angela Merkel? Auch sie verdankt ihm wohl die Kanzlerschaft

Und noch mehr: Ohne ihn wäre auch Angela Merkel womöglich nie Bundeskanzlerin geworden. Es war ebendieser Oskar Lafontaine, der 2005 im Zorn über Schröders Agenda-Politik die neu gegründete Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) unterstützte und seiner dann schon längst ehemaligen SPD durch das Wahlbündnis der WASG mit der PDS vermutlich die entscheidenden Stimmen raubte. So klug er sich im Namen der Sozialdemokraten 1998 verhalten hatte, so zerstörerisch war seine Wirkung sieben Jahre später. Es gibt wenige, die auf das Schicksal einer Partei und eines Landes in Friedenszeiten derart viel Einfluss gehabt haben.

All das zeigt aber auch, was diesen Oskar Lafontaine sein ganzes politisches Leben lang ausgemacht hat: eine wilde Kombination aus Leidenschaft, Genialität und Egozentrik. So gut er Politik lesen konnte, so sehr er zu begeistern in der Lage war, so hart konnte er werden, wenn es nicht nach seinem Willen lief. Den schärfsten Bruch dieser Art vollzog er nur wenige Monate nach dem Wahlsieg, als der Bundesfinanzminister Lafontaine im März 1999 gegen den Kanzler Schröder rebellierte. Und dabei nicht nur Ärger machte, sondern hinschmiss, sein Amt, seinen Parteivorsitz und zunächst mal eben seine ganze politische Karriere. So stark er bis zum Wahlkampf 1998 war, auch im Verzicht auf die Kandidatur, so klein machte er sich in der Wut ein Jahr später. Kein Moment hätte besser zeigen können, dass er kein guter Kanzler geworden wäre.

Seine große Stärke: Er war gerne bei den Menschen

Dabei hat Lafontaine lange Zeit eine Qualität mitgebracht, die man sich beim derzeitigen Kanzler (der SPD) wünschen würde: Er ist zu den Leuten gegangen. Er war beliebt, weil er sich zeigte, eitel natürlich, aber er war da, trotz seiner später immer stärker mitschwingenden Arroganz mochte er es, mit den Leuten zu reden. Bei ihnen zu sein. Wer einmal Lafontaines internen Saarland-Nachfolger Heiko Maas erlebt hat, wenn dieser über die Menschen zu Hause sprach, der konnte sehr schnell verstehen, warum der eine lange sehr beliebt war und der andere nie Ministerpräsident wurde.

Bittertraurig, ja nachgerade absurd ist es, dass Schröders und Lafontaines Geschichte zum Abschied noch einmal so zusammenfallen. Der eine - Lafontaine - scheitert zu Hause, im Kleinsten. Der andere - Schröder - scheitert im moralischen Umgang mit dem Kriegstreiber Wladimir Putin. Es gibt politische Abschiede, die ehrenvoll und würdig sind. Wie der von Hans-Jochen Vogel. Dieser SPD-Vorsitzende a. D. ging und blieb doch eine Instanz, an der sich viele noch lange orientierten. Lafontaine hat sich das (wie Schröder) verwehrt. Jeder auf seine Weise.

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