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Einkaufen:Horror per Klick

Online-Shopping

Webseite eines Online-Shops

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Warum nur shoppen immer mehr Menschen online, statt in einen Laden zu gehen? Es sprechen vier Gründe dagegen. Mindestens.

Kommentar von Detlef Esslinger

Zu den vielen rätselhaften Eigenschaften des Menschen gehört, dass er sich ins Online-Einkaufen verliebt hat. Schon richtig, gelegentlich braucht man dieses ganz bestimmte Buch von 1788, das der örtliche Händler garantiert nicht hat. Gelegentlich fehlen die vier Zylinderschrauben M 8 DIN 912, für die es sich wirklich nicht lohnt, alle Eisenwarenläden abzufahren. Aber wieso eigentlich halten Menschen es für komfortabler, Bücher und Hosen und Teekannen per Klick zu bestellen und zu bezahlen, anstatt sich dies in der Fußgängerzone zu besorgen?

Jaja, schon gut. Es folgt nun keine Litanei über Lkw-Touren von Haus zu Haus oder über Verpackungsmüll, über Verödung von Innenstädten oder Online-Händler, die Gewerkschaften hassen; ist ja nicht der kleine Erziehungsberater hier.

Nur ums Staunen geht's: Dass ein Schweizer Online-Warenhaus mitteilen kann, sich "seit dem Lockdown umsatzmäßig auf Weihnachtsniveau" zu befinden, und nun ein weiteres Plus von 50 Prozent erwartet. Dass die Deutsche Post bereits jetzt mehr Pakete zugestellt hat als im gesamten vergangenen Jahr.

Besonders einsame Weihnachten 2020 seien hier ausdrücklich nur jenen gewünscht, die sich vom Händler am Ort hingebungsvoll all seine Fernseher erklären lassen und ihr Gerät dann online bestellen. Auch Menschen, die wegen Corona nicht ins Geschäft gehen, sich aber für ihre Weihnachtsgesellschaft daheim ein Fondue-Set per DHL kommen lassen und es danach als Reklamation zurückschicken, soll es geben.

Der Einkauf per Klick ist deshalb so verwunderlich, weil er im Vergleich zum Einkauf in der Stadt vier Nachteile hat; aber mindestens. Der erste: Das Obama-Buch bestellen, heißt, es einen Tag später zu haben, statt sofort. Zweiter Nachteil: Wer im Geschäft das Hemd in der Auslage sieht, der weiß gleich, ob ihm dieses Bordeaux-Rot gefällt oder nicht.

Falls ja: Anprobieren, bezahlen, heim damit. Online-Kunden hingegen kennen den Moment des feierlichen Pakete-Öffnens - der die Sekunde ist, in der es der Vorfreude immer wieder ergeht wie der Demut bei Markus Söder. Sie verfliegt.

Nachteil 3: Man muss den Plunder wieder versandfähig machen

Das dezente Bordeaux von der Website: in Wahrheit ein unmögliches Kirschrot. Oder das Bordeaux ist zwar auch in echt ein Bordeaux. Allerdings macht es den Träger dicker, als dieser zuzugeben bereit ist. Hätte man sich also lieber mal gespart, diese Vorfreude. (Nachteil 2a: Das Hemd ruht bei den Nachbarn, die das Päckchen in der Früh angenommen hatten, nun aber übers Wochenende verreist sind. In diesem Fall tritt Nachteil 2 erst am Montag ein.)

Im Laden ist man jede Ware sofort wieder los, daheim aber folgt nun Nachteil 3: Man muss die zu Plunder gewordene Verheißung wieder versandfähig machen. Beim Hemd sind viele zu einer gewissen Umstandslosigkeit bereit, sie knüllen. Bei der Teekanne indes? Vielleicht besser doch alles vorschriftsmäßig, schön bruchfest, verpacken und verkleben; nicht dass man hinterher den Ärger hat. Und dann ab damit zur Postfiliale - Nachteil 4 also.

Schon mal die Schlangen dort gesehen an einem Samstagmorgen, nicht nur zur Weihnachtszeit? Die Leute stehen an, in Massen wie sonst nur Amerikaner vorm texanischen Wahllokal; das Paket unterm Arm, die Vierjährige an der Hand, links und rechts checkend, dass sich bloß nicht wieder einer vordrängelt.

Wer das alles für einen Zuwachs an Lebensqualität hält, dem sei er gegönnt.

© SZ/jok/odg
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