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Oliver Hoffmann:Beschützer von Juden in Deutschland

Sicherheitsunternehmer und Betreiber einer Kampfsportschule: Oliver Hoffmann.

(Foto: Streetwise Academy)

Ob Kindergärten oder Konferenzen: Der Sicherheitsdienst des Berliners Oliver Hoffmann ist gefragter denn je. Die jüdische Gemeinde hat nur begrenztes Vertrauen in den deutschen Staat.

Von Ronen Steinke

Ein schwarzer SUV braust in einen Innenhof. Er hält an, aus dem Wagen steigt Oliver Hoffmann. "Hi!", ruft er, dann löst er den Klettverschluss seiner schwarzen Schutzweste. Er kommt gerade von der Frühschicht im jüdischen Kindergarten. Das ist das Outfit, in dem er dort jeden Morgen steht und auf die Kinder aufpasst. Es ist eine Aufgabe, die noch wichtiger geworden ist, da zuletzt einige jüdische Schulen und Kindergärten melden, manche Eltern würden ihre Kinder aus Sorge lieber zu Hause lassen.

Die Attacken auf jüdische Einrichtungen, die Attacken auch auf einzelne jüdische Personen: Es sagt etwas aus über das Sicherheitsgefühl in der jüdischen Gemeinschaft, dass Hoffmanns Dienste in den vergangenen zwei Wochen so gefragt gewesen sind wie selten. Mit seinem jüdischen Sicherheitsunternehmen in Berlin-Charlottenburg betreut er um die 50 Einrichtungen in Deutschland, vom Kindergarten bis zum Rabbinerseminar, von der Holocaust Survivors' Conference bis zu einem Kabbalah-Zentrum.

Eltern vertrauen darauf, dass er tut, "was nötig ist"

Hoffmann weiß: Es ist immer zweischneidig, wenn jüdische Einrichtungen speziell auf jüdische Sicherheitsleute zurückgreifen. Die Gemeinden betonen immer wieder, ein Teil der deutschen Gesellschaft zu sein, doch der Anblick von Sicherheitsleuten, von denen viele aus Israel kommen und mit den Besuchern teils nur Hebräisch oder Englisch sprechen können, konterkariert das ein wenig. Oliver Hoffmann zuckt dazu mit den Achseln und sagt: "Die Frage, wie das nach außen hin aussieht, ist nachrangig."

Wichtiger sei für seine Kunden, sich sicher zu fühlen. Wenn der Sicherheitsmann ein jüdischer Bekannter oder Verwandter sei, der zum Beispiel selbst Kinder in der Kita habe, falle es den Eltern leichter zu vertrauen, dass er "tun wird, was nötig ist", wenn etwa ein Attentäter mit Schusswaffen angreifen sollte. So sagt das Hoffmann. Was er nicht sagt: Zu den Objektschützern der Polizei, die in Ländern wie Berlin oft nur Tarifbeschäftigte mit geringerer Spezialisierung sind, haben sie nicht immer dasselbe Vertrauen.

Seine Firma betreibt zugleich eine Kampfsportschule, er unterrichtet die Nahkampftechnik Krav Maga. Die hat ihren Ursprung in der Slowakei der 1930er-Jahre, wo der jüdische Ringer Imrich Lichtenfeld Selbstverteidigungsgruppen gründete. Wegen der Pandemie gibt es in Hoffmanns Schule derzeit kein Gruppentraining. Aber die Requisiten, die auf Turnmatten herumstehen, lassen erahnen, welche Bedrohungen seine Kunden vor Augen haben: Bussitze, sogar Flugzeugsitze.

Von Deutschland nach Israel und wieder zurück

Hoffmann trägt israelische Aufnäher an seiner Jacke. Souvenirs von Lehrgängen, die er besucht hat. "Ich trage die meistens aus Prinzip", sagt er. "Wenn ich mit Kippa durch Neukölln laufe, dann kann ich das auch verantworten. Ich weiß, wie ich mich notfalls verhalten müsste." Nur wenn er als Personenschützer arbeite, achte er darauf, keine israelischen oder jüdischen Symbole an der Kleidung zu tragen, "weil ich damit Probleme schaffen würde, anstatt sie zu lösen".

Er selbst hat zu Israel ein familiäres Verhältnis. Hoffmann ist in dem Land eingeschult worden, 1981 war das. Seine Familie stammt aus Deutschland. Sein Urgroßvater Manfred Herzfeld war ein berühmter Anwalt, der in der Weimarer Zeit die einzige Kanzlei mit jüdischen Anwälten in Celle betrieb, bis ihn das feindselige Umfeld 1935 ins Exil trieb. Er ging, wie viele deutsche Juden, ins damals britische Palästina.

Nach dem Krieg wollte Hoffmanns Familie zurück in ihre deutsche Heimat, stieß dort aber wieder auf Ablehnung. Man ging nach Berlin. Dann entschied Oliver Hoffmanns Mutter, sie wolle ihre Kinder doch lieber in Israel großziehen. 1982 war das Land im Krieg, eine furchtbare Zeit. Israel besetzte den Südteil Libanons. "Nach einem halben Jahr im Bunker", so erinnert sich Hoffmann an diese Episode seiner Kindheit, "haben wir uns entschieden, zurück nach Deutschland zu gehen."

© SZ/jok
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