Oktoberfest:Maske auf und Prost

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Oktoberfest: Es geht wieder los: die Münchner Theresienwiese, in aufgebautem Zustand.

Es geht wieder los: die Münchner Theresienwiese, in aufgebautem Zustand.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Es ist ein Wahnsinn, dass München wieder sechseinhalb Millionen Menschen zur Wiesn einlädt. Und richtig ist es auch.

Kommentar von Ulrike Heidenreich

Wenn das Wort Wiesn fällt, ist ganz schnell gleich auch noch vom Wahnsinn die Rede. Wie kann man nur sechseinhalb Millionen Menschen auf einem Festplatz versammeln wollen. In diesen Zeiten! In den vergangenen Tagen waren wahrlich einige verwunderliche Dinge zu beobachten. Etwa, dass das Interesse am mobilen Computertomografen, der zur Entlastung der Notaufnahmen erstmals im Sanitätszelt steht, größer war als an der neuen Wiesnattraktion: einem Karussell mit zwölf rotierenden Gondeln namens "Circus Circus". Immerhin, die Wiesn bietet einen Fixpunkt für das Lebensgefühl der Stadt und für die Menschen, die aus aller Welt anreisen. Sich darauf freuen, unbeschwert feiern zu dürfen, gerade jetzt, ist richtig und wichtig.

Aber am Samstag um 12 Uhr, nachdem der Oberbürgermeister die erste Mass ausgeschenkt hat, werden die Besucherinnen und Besucher beginnen, Mutmaßungen anzustellen, die früher einige Verwunderung ausgelöst hätten: vorne, bei der Blasmusik - gefährlich! Draußen, im Biergarten - geht einigermaßen. Sicherer sind bestimmt die kleineren Festzelte.

Gefahr war, bezogen auf die Wiesn, einst das mulmige Gefühl, weil man Anschläge auf diese exponierte, gigantische Menschenmenge fürchtete. Eine Unsicherheit, die sich noch verstärkte, wenn man am Denkmal für die Opfer des Oktoberfestattentats von 1980 vorbeiging - für die es nun übrigens endlich mit mehr als 200 lebensgroßen Metall-Silhouetten eine neue, würdige Gedenkstätte gibt. Gefahr - das Wort passte vielleicht auch zu jenem Kribbeln, das man verspürt, wenn man sich 50 Meter senkrecht mit der Achterbahn hinunterstürzt. Jetzt bedeutet Gefahr: die Dichte von Aerosolen in biergeschwängerter Luft. Und im Rathaus gibt es einen Krisenstab.

Wo die Inzidenzen in Deutschland derzeit besonders hoch sind

Das klingt bedrohlich. Pandemie, Krieg, Energiekrise, Inflation - was gerade in der Welt passiert, ist schwer zu verarbeiten. Viele Menschen verspüren Angst, sind unsicher und belastet. Um das auszuhalten, um die psychische Widerstandskraft zu stärken, sind kleine Fluchten notwendig. Es ist legitim, nach Perspektiven, nach Lichtblicken und Momenten der Freude zu suchen. Diese gibt es auf Volksfesten. Sie stärken das Gemeinschaftsgefühl, sie sind Korsett für die Gesellschaft, sie geben Orientierung und Halt. Münchens OB Dieter Reiter hatte lange mit sich gerungen, ob er die Wiesn nicht absagen solle. Da ist der Krieg, dem auch die Partnerstadt Kiew nach wie vor ausgesetzt ist, gerade mal 1400 Kilometer Luftlinie entfernt. Und da ist die Furcht vor der Corona-Wiesn-Welle. Reiter tat es nicht, auch wegen der Wucht, die die Absage einer solchen Großveranstaltung entfalten würde. Es wäre ein Signal gewesen, dass die Lage sehr, sehr ernst sei.

Wer in den kommenden 17 Tagen das Oktoberfest besuchen möchte, sollte im Kopf behalten, dass sich derzeit sechs bayerische Landkreise und Städte unter den bundesweit zehn Regionen mit den höchsten Inzidenzen befinden. In allen wurden kurz zuvor Volksfeste gefeiert. Der Zusammenhang liegt nahe. Beruhigend ist zwar, dass die Kliniken dort bislang nicht überlastet sind. Ein Corona-Test vor dem Wiesnbesuch und möglichst häufiges Tragen einer Maske sollte bei aller Partylaune selbstverständlich sein. Im Übrigen: Man kann auf die Wiesn gehen. Man muss es aber nicht.

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