Der wahrscheinlich berühmteste "Offene Brief" der Geschichte wurde in Frankreich veröffentlicht, insofern passt es natürlich, dass der Franzose Zinédine Zidane nach seinem Abschied als Trainer bei Real Madrid nun in seiner Abrechnung mit Real Madrid das gleiche Stilmittel wählt. Der berühmte Brief wurde 1898 von Schriftsteller Émile Zola verfasst, erschien in der Tageszeitung L'Aurore, klagte die Verurteilung des Hauptmannes Alfred Dreyfus an, gab der Dreyfus-Affäre eine entscheidende Wendung und war entsprechend passend mit "J'accuse ...!" überschrieben - ich klage an. Zidanes offener Brief, veröffentlicht in der Zeitung Diario As, war weniger griffig mit "Ich gehe, weil der Klub mir nicht das nötige Vertrauen gibt" betitelt, eine Staatskrise wird er auch nicht auslösen, wohl aber eine Krise bei den Königlichen, weil das Ziel des Briefes eindeutig Real-Präsident Florentino Pérez ist, der als treibende Kraft hinter den Super-League-Plänen sowieso schon halb Fußball-Europa gegen sich hat. Fast immer ist dies auch der Zweck dieser Form der Veröffentlichung - eine Anklage aussprechen oder eine Debatte auslösen. Man kann das auch über ein Interview machen, aber im Spiel mit Frage und Antwort hat man weniger Kontrolle über die Botschaft als in geschriebener Form. Und "Offener Brief" hört sich auch besser an als "Pamphlet" oder "Streitschrift".
MeinungAktuelles Lexikon:Offener Brief
Von Martin Schneider
Hört sich besser an als "Pamphlet" oder "Streitschrift".