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Nord Stream 2:Europa verhält sich wie ein Drogenabhängiger

Rohre für Nordstream 2

Hierdurch soll demnächst Gas fließen: Rohre für Nord Stream 2.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Ostseepipeline ist aus Sicht des Klimaschutzes ein katastrophales Projekt. Wenn die Bundesregierung die eigenen Ziele ernst nimmt, muss sie den Abschied vom Erdgas beginnen.

Kommentar von Christoph von Eichhorn

Als die Pipeline Nord Stream 2 noch von US-Sanktionen bedroht war, hegten viele die Sorge, ob bald eine acht Milliarden Euro teure Investitions-Ruine den Meeresgrund der Ostsee durchziehen würde. Kann man also aufatmen, nun da die Sanktionen wohl vorerst vom Tisch sind? Nein, eine Investitions-Ruine wird die Röhre in jedem Fall sein.

Ruinieren wird Nord Stream 2 insbesondere die Anstrengungen zum Klimaschutz, denn mit den deutschen oder europäischen Klimazielen ist das Projekt unvereinbar. Um bis Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität zu erreichen, müsste der Erdgasverbrauch bis Ende dieses Jahrzehnts deutlich sinken und fossiles Erdgas in etwa 20 Jahren komplett aus dem Energiemix verschwinden. Seit Kurzem strebt die Bunderegierung schon bis 2045 Klimaneutralität an, das Tempo müsste also noch mal erhöht werden. Wie dazu eine Pipeline passt, die jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa bringen wird, und das auf Jahrzehnte, bleibt ein Geheimnis der Regierung.

Je mehr Erdgas aus Russland nach Europa strömt, umso schwieriger wird der Wandel

Die Erdgas-Lobby hat die Diskussion um die Erderwärmung geschickt für sich genutzt, um ihr fossiles Produkt als vermeintlich klimafreundlich umzudeuten. Dass der Energieträger etwa im Vergleich zur Braunkohle weniger Kohlendioxid freisetzt, stimmt aber nur, wenn man allein die Verbrennung im Heizkessel betrachtet. Immer deutlicher wird mittlerweile, wie gravierend sich Erdgas schon bei der Förderung und beim Transport auswirkt: Durch Leckagen, Schlamperei, manchmal auch Absicht, gelangt nicht CO₂ in die Atmosphäre, sondern Methan, das auf kurze Zeit gesehen eine 87-mal so große Treibhauswirkung hat. Betrachtet man den gesamten Lebenszyklus, könnte die Klimawirkung von Erdgas daher in etwa so schlimm sein wie die von Kohle. Weltweit größter Methan-Emittent ist übrigens Russland.

Ein Stopp neuer fossiler Infrastruktur ist nötig, damit umweltfreundliche Alternativen wie grüner Wasserstoff überhaupt eine Chance haben, sich durchzusetzen. Dieser lässt sich mit Solarmodulen, Wasserkraft und Windrädern auch in Europa herstellen. Eine Wasserstoff-Infrastruktur aufzubauen, braucht jedoch einen langen Atem und große Investitionen - und dies wird sich nur dann auszahlen, wenn solche "Grüngase" irgendwann günstiger werden als die fossile Konkurrenz. Je mehr Subventionen dagegen in fossile Infrastruktur fließen, je mehr Öl und Erdgas nach Europa strömen, je mehr politische Rückendeckung die fossile Industrie genießt, umso schwieriger wird dieser Wandel.

Aber nicht nur die deutsche Energiepolitik ist unstimmig, sondern auch die europäische Energiepolitik. Zwar strebt die EU mit dem Green New Deal bis Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität an. Zugleich wird aber für mehr als 70 Milliarden Euro neue Gas-Infrastruktur geplant oder bereits gebaut. Darunter sind neben neuen Flüssiggas-Terminals etliche weitere Pipelines. So könnte etwa die fünf Milliarden Euro teure Eastmed-Pipeline - von der EU-Kommission als strategisch bedeutsam eingestuft - den gesamten östlichen Mittelmeerraum für die Öl- und Gas-Industrie öffnen, was die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern weiter erhöhen würde. Europa verhält sich wie ein Drogenabhängiger, der stets beteuert, vom Stoff wegkommen zu wollen, während er hintenrum fleißig Ware einkauft und neue Dealer akquiriert. Da hilft nur eins: Entzug.

© SZ/usc
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