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ZDF:Weiter so, zum Glück

Dr. Norbert Himmler

Altbekannter Neuer: Norbert Himmler ist am Freitag zum ZDF-Intendanten gewählt worden.

(Foto: Markus Hintzen/ZDF)

Norbert Himmler wird Intendant - eine hervorragende Nachricht ist das.

Kommentar von Claudia Tieschky

Weiter so, keine Experimente, Sie kennen mich - zum Sieg von Norbert Himmler bei der Intendantenwahl des ZDF passen die bräsigsten Wahlslogans aller Zeiten. Das Signal: Da wird im nächsten März einer Senderchef, der seit Jahren Programmdirektor ist, also schon jetzt bestimmt, was im Fernsehen kommt. Einer, der den Laden kennt. Und der ein Zögling des jetzigen Intendanten Thomas Bellut ist, der vorher ebenfalls Programmdirektor war. Wie langweilig - zum Glück.

Denn damit endet schon die Beständigkeit der Verhältnisse. Die Karriere von Himmler ist geprägt davon, dass er das ZDF-Programm nicht durch "Traumschiff"-Gefilde, sondern durch die erste Welle der Digitalisierung, den großen Umbruch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gelotst hat. Wenn das ZDF heute in vielem moderner wirkt und technisch oft weiter ist als die ARD-Sender, hat das auch viel mit Strategien des Duos Bellut/Himmler zu tun. Man traut der Anstalt mit ihm eine ähnlich ruhige, aber radikale Entwicklung zu.

Die heutigen ZDF-Gestalter um Himmler haben Lust an vielem: an der Böhmermann'schen Anarchie, an extrem beschleunigtem Jetztzeit-Fernsehen wie der Serie "Drinnen" oder bitterböser Gemeinheit wie in "#heuldoch - Therapie wie noch nie". Womöglich ist diese Lust eine Art Kompensation - für viele Jahre strukturelles Bravsein bei dem Sender, den Konrad Adenauer einst als konservatives Gegengewicht zur ARD wollte. Die Spuren von Pubertät, die beim ZDF im Alter von 60 Jahren endlich auftreten, sind jedenfalls erfrischend. Ausbaufähig sind sie natürlich auch.

Wie kommt das ZDF an junge Zuschauer? Dieser Mann hat seit Jahren Ideen geliefert

Seit Jahren versuchen die Öffentlich-Rechtlichen, ein jüngeres Publikum zu erwischen, auch jenseits des linearen Fernsehens (also eines Programms mit festen Sendezeiten). Die Antwort, die das ZDF schon fand, als der jetzt scheidende Intendant Bellut noch Programmdirektor war: Man gründete ein, gemessen an öffentlich-rechtlichen Standards, verrücktes Gewächshaus für den doch eher betonlastigen Lerchenberg. Davon profitiert der Sender bis heute.

Der Riege, aus der Himmler kommt, ist es zu verdanken, dass der digitale Schwesterkanal ZDF Kultur zum jungen Sender avancierte, der dann in der Plattform Funk aufging, einer der wenigen nachweisbaren öffentlich-rechtlichen Kontakte zum realen jungen Publikum. Der andere Digitalkanal, ZDF Neo, wurde unter dem damaligen Leiter Himmler zum Experimentierfeld, auf dem noch weniger bekannte Entertainer wie Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf auftraten und auf dem Serien wie "Mad Men" liefen, die das ZDF seinem Stammpublikum nicht zumuten wollte. Sichtbar war die Erneuerung durch ZDF Neo trotzdem, auch weil das ZDF seine Mediathek konsequenter ausbaute als die ARD und zur oft besseren Alternative machte. Nicht nur für Menschen, denen es vor dem Dauerkrimi graust, der im ZDF einfach nicht totzukriegen ist.

Als Intendant muss Himmler mehr Zeit mit strategischer Diplomatie verbringen. Er muss diejenigen überzeugen, die eines der beiden abgabenfinanzierten bundesweiten TV-Programme abschaffen wollen, oder das öffentlich-rechtliche System überhaupt. Er muss Sparmaßnahmen durchsetzen. Er braucht mehr Frauen in Spitzenpositionen. Beim Programm wird es darum gehen, ob Zuschauer es in der Mediathek und auf Social Media finden. Eine "Traumschiff"-Fahrt wird das wieder nicht, aber wem stehen schon weiße Uniformen?

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