Künstler Emil Nolde Zementierte Gewissheiten

Emil Nolde in München im Jahr 1937.

(Foto: Nolde Stiftung Seebüll)

Emil Noldes Vergangenheit wurde bis vor Kurzem gerne verdrängt. Auch, weil Museen lange Zeit darauf setzten, dass ihr Bestand nicht hinterfragt wird.

Kommentar von Catrin Lorch

Der Maler Emil Nolde ist zum Fall geworden. Schon vor der Eröffnung einer Ausstellung "Emil Nolde - eine deutsche Legende" im Hamburger Bahnhof in Berlin, die seine Verstrickungen in der NS-Zeit nachzeichnet, hat die Kanzlerin seine Bilder im Kanzleramt abgehängt.

Deutschland diskutiert über einen Lieblingsmaler der Nachkriegszeit, der sich nach 1945 zum verfolgten Künstler stilisiert hatte, tatsächlich aber ein Antisemit, Rassist und glühender Anhänger des Nationalsozialismus war. Einer, der einen Konkurrenten wie Max Pechstein fälschlich als Juden denunzierte und einen eigenen "Judenplan" entwarf.

Die alte Frage, ob man ein Werk von seinem Autor, ein Oeuvre vom Künstler trennen kann, wird jetzt wieder einmal diskutiert. Und Walter Jens zitiert, der schon zum 100. Geburtstag von Emil Nolde im Jahr 1967 salomonisch davon sprach, man müsse Nolde vor Nolde "schützen".

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Aber Emil Nolde ist damit nicht nur ein Beispiel dafür, wie Künstler sich der Macht anbiedern, sondern auch für die Verführbarkeit der Nachkriegszeit, für die damalige Amnesie der Deutschen, die hofften, auch die Welt werde schon bald die Gräuel der NS-Zeit vergessen haben. Ein brillanter Maler wie Emil Nolde, der offiziell als "entartet" gegolten hatte, dessen Gemälde in allen deutschen Museen abgehängt wurden, konnte darauf setzen, dass sein Werk im Museum für alle Zeiten wohl verwahrt bleiben und im Nebel der Vergangenheit ein paar Briefe und Texte in seinem Nachlass in Vergessenheit geraten würden. Er strich also aus seinen Memoiren die rassistischen Passagen und förderte die Behauptung, es habe ein gegen ihn gerichtetes "Malverbot" gegeben.

Eine neue Generation von Kunsthistorikern stellt ihr eigenes Tun auf den Prüfstand

Die angeblich so junge bundesdeutsche Öffentlichkeit, in der sich fast bruchlos die alten Machthaber wieder etablierten, war mehr als bereit, ihm zu glauben. Der große Kunsthistoriker Werner Haftmann schrieb über die "ungemalten Bilder", kleine Aquarelle des angeblich Verfemten. Emil Noldes unbeugsamer Widerstand wurde dann zum Hauptmotiv des Romans "Die Deutschstunde" von Siegfried Lenz, einer Pflichtlektüre an deutschen Schulen. Und auch wenn der Held des Buchs Max Ludwig Nansen heißt, wussten die deutschen Leser, dass Emil Nolde gemeint war. Helmut Schmidt hängte sich das Gemälde "Meer II" in sein Amtszimmer, Angela Merkel den "Brecher".

Doch jetzt verhält sich die Gegenwart unerwartet anders. Obwohl derzeit die letzten Zeugen von Krieg und Vernichtung sterben und auch die letzten Überlebenden des Rassenwahns, wächst die Bedeutung des Holocaust als unvergleichlichem, einzigartigen Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Und im Zuge der Raubkunst- und Kolonialkunst-Debatte werden zudem die historischen Umstände erforscht und befragt, unter denen die öffentlichen Sammlungen entstanden.

Vor allem Museen haben seit Jahrhunderten darauf gesetzt, dass ihr Bestand ungefragt in seiner Bedeutung akzeptiert wird, dass die Herkunft ihrer Sammlungen nicht interessiert. Eine neue Generation von Kunsthistorikern, Museumsdirektoren und Kuratoren, die zu Zeiten der Institutionskritik ausgebildet wurden, stellen nun aber ihr eigenes Tun auf den Prüfstand und sind bereit, sich nicht nur von Kunstwerken zu trennen, sondern auch die Kunstgeschichte umzuschreiben und Widersprüchlichkeiten und Brüche zu benennen. Dabei wird man - und das lehrt der Fall Nolde - nicht nur die Trümmer beiseite räumen müssen, die tyrannische Regime hinterlassen haben. Sondern auch fest zementierte Gewissheiten der deutschen Nachkriegszeit.

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