Süddeutsche Zeitung

Nicaragua:Die Grande Dame der Guerilleros

Dora María Téllez rang einst als Untergrundkämpferin die Diktatur in Nicaragua nieder und wurde so zur Legende. Jetzt wurde sie verhaftet - auf Geheiß eines alten Kampfgefährten, der sich verzweifelt an die Macht klammert.

Von Christoph Gurk

Es war wohl früher Morgen, als die Polizei am vergangenen Sonntag das Haus von Dora María Téllez stürmte. Augenzeugen berichten, die Beamten hätten Türen eingetreten; Freunde und Verwandte sagen, mindestens 60 Polizisten seien beteiligt gewesen, darunter Angehörige einer Spezialeinheit.

Alles in allem ein erstaunliches Aufgebot, denn auch wenn Téllez früher mal eine durchaus schusssichere Guerilla-Kämpferin war, so hat sie doch längst die Pistole mit der Computertastatur getauscht. Die 65-Jährige ist eine angesehene Historikerin und Politikerin in ihrer Heimat Nicaragua, eine Brille tragende Dame und nicht gerade das, was man sich bei einem derart martialischen Einsatz unter der Zielperson vorstellt.

Und so mag die Polizeiaktion vom Wochenende am Ende ihren Zweck erfüllt haben und Téllez nun in Haft sitzen. Dennoch ist die Festnahme auch eine Niederlage, zeigt sie doch, mit welchen Mitteln das Regime in Nicaragua versucht, seine Macht zu festigen, aber auch, wie groß seine Angst ist, diese Macht zu verlieren.

Fünf Monate sind es noch, dann sollen Wahlen stattfinden in dem kleinen zentralamerikanischen Land. Nach gut eineinhalb Jahrzehnten im Amt könnte Präsident Daniel Ortega abgewählt werden - so zumindest die Theorie. Denn in der Praxis klammert sich der frühere Revolutionär mit allen Mitteln an die Macht, aus dem einstigen Befreier Nicaraguas vom Joch des Somoza-Clans ist selbst ein autoritärer Herrscher geworden.

Eine spektakuläre Geiselnahme machte sie weltbekannt

Die Presse wird gegängelt, Demonstranten niedergeschossen, Kritiker verfolgt. Allein in den vergangenen zwei Wochen wurden mehr als ein Dutzend Oppositionelle festgenommen, darunter aussichtsreiche Kandidaten für die Wahl im November, aber auch alte Kampfgenossen wie Dora María Téllez.

Weltbekannt wurde sie Ende der Siebzigerjahre unter dem Decknamen "Comandante Dos". Zusammen mit einem Häufchen blutjunger Guerilleros hatte sie damals den Nationalpalast Nicaraguas besetzt und die Parlamentarier als Geiseln genommen, unter ihnen auch mehrere Familienmitglieder von Diktator Anastasio Somoza Debayle.

Seit Jahrzehnten beherrschten er und sein Clan mithilfe der USA das Land. Gegen sie kämpfte die sozialistische Frente Sandinista de Liberación Nacional, kurz FSLN, der sich Anfang der Siebziger auch Dora María Téllez angeschlossen hatte.

Für die Revolution schmiss Téllez ihr Studium, sie ging in den Untergrund und kämpfte zusammen mit Ortega gegen Somoza, ohne große Erfolge. Doch dann kam der 22. August 1978 und die Geiselnahme im Nationalpalast. Am Ende musste der Diktator klein beigeben, und ein Jahr später war er gestürzt.

Früh störte sie sich an Daniel Ortegas autoritären Tendenzen

Téllez arbeitete fortan mit an einem neuen Nicaragua, wurde Abgeordnete und Gesundheitsministerin unter Präsident Daniel Ortega, immer öfter störte sie sich aber an dessen autoritären Tendenzen. 1995 gründete sie zusammen mit anderen alten Kämpfern eine sandinistische Alternativpartei, die längst verboten ist und von der viele Mitglieder verhaftet sind.

Die Festnahme von Téllez beruht auf einem neuen und umstrittenen Gesetz, das die "Anstiftung ausländischer Einmischung in innere Angelegenheiten" mit langjährigen Haftstrafen ahndet. Ob es wirklich zum Prozess kommt, ist allerdings nicht sicher. Denn Téllez ist weit über ihre Heimat hinaus immer noch eine Legende. Selbst Gabriel García Marquez verewigte sie in einer Reportage. Die junge Guerillera sei "wunderschön, schüchtern und fesselnd", so der spätere Literaturnobelpreisträger, und dazu noch von einer Intelligenz, die sie zu vielem befähigt hätte im Leben.

Mehr als 40 Jahre sind seit diesen Worten vergangen und Téllez ist mittlerweile eine Dame im Rentenalter. Die Haare sind grau, die Energie reicht aber wohl immer noch, um Diktatoren und Autokraten das Fürchten zu lehren.

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