Anna Netrebko:Die Sängerin, die Wert darauf legt, "unpolitisch" zu sein

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Anna Netrebko: Anna Netrebko, 50, Russin mit österreichischem Zweitpass und Wohnsitz in Wien.

Anna Netrebko, 50, Russin mit österreichischem Zweitpass und Wohnsitz in Wien.

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Seit 20 Jahren ist die Russin Anna Netrebko ein Weltstar. Nun muss sie befürchten, nicht mehr nur anhand ihres Gesangs beurteilt zu werden. Und versucht, sich mit einem Statement zu helfen.

Von Reinhard J. Brembeck

Vor Beginn ihrer großen Karriere vor 25 Jahren gab Anna Netrebko die zweite Orange in Sergej Prokofjews Oper "Die Liebe zu den drei Orangen"; ein Mitschnitt ist erhalten. Ihr Dirigent hieß Valery Gergiev. Netrebko wie Gergiev haben seither Weltruhm erlangt - und inzwischen wegen ihrer Nähe zu Russlands Staatschef Wladimir Putin ähnliche Probleme; sie sind schließlich dessen bekannteste künstlerische Aushängeschilder im Westen.

Gergiev wird gerade von Musikhäusern in Mailand, München, Baden-Baden und Hamburg bedrängt, sich gegen Putins Ukrainekrieg zu positionieren. Netrebko hat weniger gravierende Probleme. Denn erstens hat sie kein eigenes Opernhaus zu finanzieren (wie Gergiev mit dem Petersburger Mariinski-Theater), zweitens wohnt sie mit österreichischem Zweitpass in Wien. Aber auch ihre Nähe zu Putin provoziert immer wieder. Netrebko hat vergangenes Jahr ihren 50. Geburtstag im Kreml gefeiert, sie warb 2012 für Putins Wiederwahl und posierte vor sieben Jahren mit einem Donezker Separatistenführer, der die "neurussische" Fahne schwenkt, das Symbol der abtrünnigen Ostukraine, das Foto ist im Netz überall auffindbar und für viele mit ihrem Namen untrennbar verbunden.

Jetzt hat Netrebko, anders als Gergiev, ein Statement zum Ukraine-Krieg abgegeben, bei dem Putin und dessen Rolle außen vor bleiben. Sie bezeichnet sich darin als "unpolitische Person". Sie sei "eine Russin und liebe" ihr Land, "aber ich habe viele Freunde in der Ukraine, und der Schmerz und das Leid brechen mir das Herz. Ich möchte, dass dieser Krieg aufhört und die Menschen in Frieden leben können. Das erhoffe ich mir und dafür bete ich". Zudem sei sie dagegen, "Künstler oder irgendeine öffentliche Person zu zwingen, ihre politischen Ansichten öffentlich zu machen und ihr Vaterland zu beschimpfen". Damit dürfte sie auf die Forderungen an Gergiev anspielen.

An diesem Mittwoch steht ein Konzert in der Elbphilharmonie an

Das Statement kommt nicht von ungefähr. Netrebko muss befürchten, dass auch ihre Auftritte abgesagt werden, dass es Proteste gegen ihre Pro-Putin-Haltung gibt. Das könnte schon am morgigen Mittwoch der Fall sein, da soll sie mit ihrem Sängerehemann Yusif Eyvazov in der Elbphilharmonie auftreten. Der Blick auf die teuerste Karte (440,35 Euro) macht klar, dass Anna Netrebko nicht nur ein musikalisches und politisches Phänomen ist, sondern auch ein wirtschaftliches. Solche Preise zahlt ein Publikum nur für die Stars unter den Stars, für Anna Netrebko, vielleicht Jonas Kaufmann, früher auch Plácido Domingo. Wer Netrebko verpflichtet, kann sehr viel mehr Geld einnehmen als mit anderen Sängern. Das spielt, nach zwei Jahren Pandemie, für Veranstalter eine noch viel größere Rolle als früher. Umso bitterer sind jetzt Absagen.

Vor 20 Jahren ersang sich Netrebko bei den Salzburger Festspielen den internationalen Durchbruch. Da war eine große, warme und mühelos die riesige Felsenreitschule flutende Stimme zu erleben, Netrebko gab sich unbekümmert verspielt. Von Politik keine Spur. Seither wollen alle diese Frau hören. Sie dosiert ihre Auftritte, konzentriert sich aufs italienische und russische Romantikrepertoire. Christian Thielemann überredete sie zu Richard Wagners Elsa. Aber das war eine Ausnahme, das deutsche Repertoire liegt ihr nicht, wohl wegen der Sprache.

Dass sie ihre Partner mühelos an die Wand singen kann und es zugleich mit den schnellen Noten nicht so hat: Beides war 2005 unüberhörbar in der Salzburger "Traviata". Dass sie ihre Rollen zunehmend zelebriert, das nehmen ihr die Fans nicht übel. Denn Netrebkos Stimme spricht direkt die Emotionen ihrer Hörer an, die deshalb nur eins können: jubeln und noch einmal jubeln. Umso verstörender, dass an der Mailänder Scala nun Buhrufe zu hören waren. Galten die ihrem Gesang, ihrer politischen Haltung oder dem Gesamtpaket Netrebko? Die unbeschwerten Zeiten als Orange sind eventuell vorbei.

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