Nato:Wer was kann

Lesezeit: 3 min

U.S. Marines stand guard at an Evacuee Control Checkpoint at Hamid Karzai International Airport, Kabul

Amerikanische Soldaten bewachen einen Checkpoint am Flughafen von Kabul.

(Foto: US MARINES/via REUTERS)

Europa ist zu vielem in der Lage, aber nicht dazu, sich selbst zu verteidigen - was das Desaster in Afghanistan für die Nato bedeutet, und was nicht.

Kommentar von Daniel Brössler

Seit jeher steht die Übermacht der westlichen Militärallianz in bemerkenswertem Kontrast zur Ohnmacht ihres obersten zivilen Repräsentanten. Ein Nato-Generalsekretär muss Rücksicht auf alle Mitglieder der Allianz nehmen, hören muss er aber vor allem auf eines: die USA. Der Norweger Jens Stoltenberg hat das - um das Bündnis vor dem Schlimmsten zu bewahren - während der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump bis zur Selbstverleugnung beherzigt. Am desaströsen Ende des Afghanistan-Einsatzes der Allianz bekommt Stoltenberg nun aber zu spüren, gleichsam stellvertretend für alle Europäer, was die alten Kräfteverhältnisse auch unter dem neuen Präsidenten bedeuten. Stoltenberg hätte den Flughafen in Kabul gerne noch ein paar Tage länger offen gesehen. Der Wunsch war ohne Bedeutung.

U.S. Marines stand guard at an Evacuee Control Checkpoint at Hamid Karzai International Airport, Kabul

Amerikanische Soldaten bewachen einen Checkpoint am Flughafen von Kabul.

(Foto: US MARINES/via REUTERS)

Wie die Anschläge mit vielen Toten, unter ihnen auch zwölf amerikanische Soldaten, am Donnerstag zeigten, ist der Evakuierungseinsatz in Kabul immer gefährlicher und am Ende zu gefährlich geworden. Keiner der Verbündeten wäre bereit oder in der Lage gewesen, ihn ohne die USA auch nur eine Minute fortzuführen. Von Anfang an war daher klar, dass Deutsche, Briten oder Franzosen bei der Rettung ihrer Schutzbefohlenen vollkommen von den Amerikanern abhängig und dass dabei ihre Wünsche nachrangig sein würden. Das ist eine schmerzliche, eine brutale, aber keine neue Erfahrung. Schon 2017, im vergangenen Wahlkampf, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Truderinger Bierzelt, auf die USA gemünzt, konstatiert, dass die Zeiten vorbei seien, in denen auf andere völlig Verlass sei. Die Europäer, schloss Merkel damals, müssten ihr Schicksal nun wirklich in die eigene Hand nehmen.

Selbst ein Mann wie Joe Biden nimmt wenig Rücksicht auf die Europäer

So niederschmetternd die Katastrophe von Kabul gerade auch für die Europäer ist - als Beleg dafür, wie wenig seitdem erreicht worden ist, taugt sie nur bedingt. Es wäre nie ein erstrebenswertes oder realistisches Ziel für die Europäer gewesen, eigenständig am Hindukusch zu operieren. Der Einsatz hat nach den Terrorangriffen in den USA 2001 begonnen und hing immer von der Bereitschaft der Amerikaner ab, beträchtliche militärische und finanzielle Ressourcen zu investieren. Wohl aber haben die vergangenen Wochen den Europäern vor Augen geführt, wie wenig Rücksicht selbst ein Mann wie Biden auf sie nimmt.

Schon unter dem Demokraten Barack Obama hatte Amerikas Abkehr von Europa begonnen, mit dem Demokraten Biden wird sie nicht enden. Prägend bleiben werden die Rivalität mit China und die tiefe Unlust der USA, sich weiterhin in der undankbaren Rolle des Weltpolizisten aufzureiben. Diese neue Realität hat die Welt bereits beträchtlich verändert. Was in vielerlei Hinsicht gleich geblieben ist, ist die Nato.

Da genügt ein Blick auf die Zahlen. Obwohl Deutschland und andere europäische Staaten in den vergangenen Jahren ihre Verteidigungsausgaben zum Teil deutlich erhöht haben, bleibt es dabei, dass die USA alleine deutlich mehr als doppelt so viel fürs Militär ausgeben als alle anderen Verbündeten zusammen. Wenig geändert hat sich entsprechend auch am Ungleichgewicht bei den militärischen Fähigkeiten. Dieses Ungleichgewicht war so lange kein ernsthaftes Problem, solange beiderseits des Atlantiks die Nato als gleichermaßen nützlich angesehen wurde.

In dieser Hinsicht bedeutet das schmähliche Ende des Afghanistan-Einsatzes einen Einschnitt. Der Beitrag der Verbündeten dort sollte nicht im Nachhinein klein geredet werden. Er entlastete die Amerikaner politisch und militärisch. Einsätze von Art und Ausmaß jener in Afghanistan aber wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Was daraus für die Europäer folgt, gehört zu den vielen Fragen, die Angela Merkel in ihrer Afghanistan-Rede im Bundestag aufgeworfen und ihren Nachfolgern zur Beantwortung hinterlassen hat.

Auf ganz unterschiedliche Weise ist Europa fremden Mächten ausgeliefert

Der so dramatisch gescheiterte Versuch eines Staatsaufbaus wird Regierenden noch lange in den Knochen stecken. Dennoch werden auch sie Europa vor Terrorgefahren in unmittelbarer Nachbarschaft schützen müssen. Dies geschieht schon jetzt und wird auch künftig zunehmend ohne die Amerikaner geschehen. In Mali, dem neuen gefährlichsten Einsatzort der Bundeswehr, kommt es vor allem auf die Franzosen an. Auch die EU besinnt sich langsam auf ihre Verantwortung.

Das ist ein Lichtblick, allerdings trügt er auch. Europa ist zu vielem in der Lage, aber nicht dazu, sich selbst zu verteidigen. Deshalb stehen bis auf Weiteres nur zwei Mittel zur Wahl: der Glaube, dass etwa Russlands Präsident Wladimir Putin nur friedliche Ziele verfolgt, oder das Vertrauen darauf, dass die Nato das Bündnisgebiet verlässlich schützt. Dieses Vertrauen kann realistischerweise nur in der militärischen Schlagkraft der USA begründet liegen.

Was gerade deshalb Not tut, ist eine Verringerung des in der Nato von Beginn an eingebauten Ungleichgewichts. Die größte Gefahr für die Europäer besteht nicht darin, dass die USA ihnen zu viel abverlangen, sondern irgendwann gar nichts mehr.

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