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Nahost:Parolen schaden nur

Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina

Raketen fliegen wieder, Menschen sterben in Nahost - und der Rest der Welt begnügt sich im Zweifel gerne mit vorschnellen Meinungen.

(Foto: JACK GUEZ/AFP)

Viele User im Netz schlagen sich im aktuellen Konflikt in Nahost sehr eindeutig auf eine Seite - und vertiefen mit ihren oberflächlichen Kommentaren die Gräben unnötig. Einheimische Israelis und Palästinenser können sich darüber nur wundern.

Kommentar von Moritz Baumstieger

Unter den im Nahen Osten lebenden Ausländern, die etwas mit Politik, Journalismus oder Nichtregierungsorganisationen zu tun haben, kursiert seit Jahrzehnten ein Witz. Wer eine Woche durch die Region gereist sei, der schreibe am liebsten ein Buch: Fürchterlich interessant, das alles hier, und dabei doch glasklar. Die da gut, die dort böse, hier unterstützen, dort mindestens Sanktionen. Wer ein halbes Jahr vor Ort wohne, so geht der Witz weiter, traue sich höchstens noch an einen Essay zu einem Spartenthema. Und wer ein Jahr in der Region verbracht habe, der schreibe überhaupt nichts mehr. Fürchterlich kompliziert, das alles. So viel sowohl, so viel als auch.

Heute, da wieder Raketen aus Gaza fliegen und Bomben über Gaza abgeworfen werden, benötigt der Spruch ein Update: Wer noch nie im Nahen Osten war, der schreibt am liebsten einen Thread auf Twitter. Eine Kaskade kurzer Textschnipsel, in denen das Geschehen möglichst knackig und mit eindeutiger Schuldzuweisung aufgearbeitet wird. Die komplexe Geschichte Jerusalems mit all ihren Verästelungen im Streit um den Tempelberg, die Verwicklungen von Besatzung und Besiedlung, die ambivalente Situation in Gaza, wo die Bevölkerung seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten unter einer Blockade leidet und von wo das Hamas-Regime gleichzeitig Terror exportiert: bei Mitteilungen von 280 Zeichen Länge eher hinderlich.

280 Zeichen auf Twitter, das ist die Länge eines Slogans - mehr nicht

Dass die horrenden Bilder, die gerade aus der Region in unsere Timelines gespült werden, jeden nicht vollkommen abgestumpften Menschen bewegen, ist verständlich. Genauso wie die Regung, Dinge mit anderen zu teilen, die einen mitnehmen - die sozialen Medien stellen einem urmenschlichen Impuls eine neue Plattform zur Verfügung. Wer dem Impuls nachgibt, sollte aber bedenken: 280 Zeichen, das ist die Länge eines Slogans - und Slogans stehen nicht für Sachlichkeit, sondern sind Bestandteil von Kampagnen.

Während viele jüdische Israelis und viele Palästinenser in Nahost darum ringen, dass ihnen nicht das letzte Miteinander verloren geht, übt sich der Rest der Welt im klaren Gegeneinander: Die Israel- und die Palästina-Fraktion stehen sich im Netz unversöhnlich gegenüber. Doch der Konflikt in Nahost ist komplexer als ein Fußballspiel, in dem ein überreicher FC Bayern gegen sympathische Underdogs antritt. Er polarisiert bereits bedeutend länger als das Thema Corona, bei dem rationale Diskussionen in den sozialen Medien schon kaum mehr möglich sind, weil jede Debatte bald in Diffamierungen abzurutschen droht. Natürlich muss die Welt schauen auf das, was derzeit in Gaza, Tel Aviv und Jerusalem passiert - nur sollte sich jeder die Frage stellen, wie repräsentativ jener Bildausschnitt ist, den gerade die sozialen Medien vermitteln.

Um den Streit um Land, Geschichte und Symbole im Heiligen Land irgendwann zu überwinden, müssten zahllose Gräben zugeschüttet werden, die in den vergangenen Jahrzehnten zwischen den Menschen aufgerissen wurden. Viele, die weit weg vom Geschehen sitzen, üben sich derzeit aber eher darin, beim weiteren Vertiefen der Gräben zu helfen. Wie wenig harsche und einseitige Töne aus dem Ausland bringen, hat über Jahrzehnte die schrille Rhetorik arabischer Despoten bewiesen, zuletzt auch die kurzsichtige Parteinahme von Donald Trump. Und an dem Ex-US-Präsidenten zeigt sich ja: Wenn einer weniger zu dem Thema twittert, ist das nicht unbedingt ein Verlust.

© SZ/kia
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