Myanmar:Noch ein Kirmesprozess

Lesezeit: 1 min

Glauben die selber, was sie urteilen? Die Junta sperrt Aung San Suu Kyi nun noch länger ein.

Von David Pfeifer

Wenn man das Gefühl hat, man soll für dumm verkauft werden, hat das üblicherweise einen von zwei möglichen Gründen: Das Gegenüber hält einen für sehr dumm. Oder das Gegenüber ist selber sehr dumm. Im Fall der Generäle, die sich in Myanmar an die Macht geputscht haben, ist das geradezu verstörend, denn sie könnten ja einfach ihrem düsteren Treiben nachgehen, sich vom Volk hassen und von den verbliebenen Beobachtern aus dem Ausland kritisieren lassen. Solange niemand interveniert, ist egal, was die Vereinten Nationen verurteilen, und die wachsende Guerilla in den Randgebieten des Landes ist zu schlecht bewaffnet, um wirklich gefährlich zu werden. Die Welt kümmert sich ohnehin längst um andere Bösewichte, die Taliban und Waldimir Putin haben die Aufmerksamkeit abgelenkt.

Trotzdem wird ein Kirmesprozess durchgezogen, dessen Anklagen in sich schon bizarr sind. Das jüngste Urteil gegen Aung San Suu Kyi erging wegen angeblicher Korruption. Doch nach allem, was man weiß, war einer der Hauptgründe für General Min Aung Hlaing, sich wieder an die Macht zu putschen, dass er die Geschäfte, die er und seine Familie machen, nicht aus den Fingern geben wollte. Jeder Mensch in Myanmar weiß, dass das Militär an allen großen und kleinen Geschäften beteiligt ist, ein Heer von 400 000 Soldaten muss unterhalten werden. Es ging den Generälen nie um das Land, sondern immer um den Eigenerhalt.

Sogar in den Asean-Nachbarstaaten, von denen einige von eigenen Putschisten und Autokraten regiert werden, will man die ebenso eitle wie bizarre Selbstdarstellung Min Aung Hlaings nicht mehr hinnehmen. Er wurde von den Gipfeltreffen ausgeladen und war beleidigt. Aber ist er nun dumm - oder hält er alle anderen dafür? Eine dritte Möglichkeit wäre, dass er sich die Geschichten selber erzählt, um sie glauben zu können. Es ist wie bei einem bockigen Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und behauptet: Du kannst mich nicht sehen.

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