Profil:Moqtada al-Sadr

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Profil: Gebieter über die Mahdi-Armee: Moqtada al-Sadr bei einer Rede in Nadschaf, 3. August 2022.

Gebieter über die Mahdi-Armee: Moqtada al-Sadr bei einer Rede in Nadschaf, 3. August 2022.

(Foto: Alaa Al-Marjani/Reuters)

Der Sohn eines berühmten Großayatollahs gilt als Auslöser der jüngsten Welle der Gewalt im Irak. Und gleichzeitig kann nur der als pragmatischer Populist bekannte Politiker einen Bürgerkrieg verhindern.

Von Mirco Keilberth

Erst als die Lage in der Grünen Zone in Bagdad endgültig einem Bürgerkrieg gleichkam, setzte der Taktiker seinen nächsten Schachzug. Am Dienstagmittag rief Moqtada al-Sadr seine Anhänger zum Rückzug aus dem Regierungs- und Diplomatenviertel auf. Keine 24 Stunden zuvor waren seine bewaffneten Milizionäre und frustrierte Jugendliche das dritte Mal in die schwer gesicherte Grüne Zone eingedrungen. Diesmal hatten sie auf sein Geheiß sogar den Präsidentenpalast gestürmt.

Die daraufhin entbrannten Kämpfe hätte den stets ernst dreinschauenden 48-Jährigen vor ein Gericht bringen können. Doch sein dritter öffentlich verkündeter Rücktritt von allen politischen Ämtern schützte ihn vor der Verantwortung für den Sturm auf die demokratischen Institutionen des Irak. Premierminister Mustafa al-Kadhimi dankte dem schiitischen Geistlichen sogar für die Deeskalation und das Ende des Vergießens von irakischem Blut.

Der Grund für den Angriff: Bei den Parlamentswahlen im Oktober hatte al-Sadr zwar eine Mehrheit der Stimmen errungen. Doch im Juni dieses Jahres tat sich die Opposition zusammen und beschloss die Nominierung eines pro-iranischen Premierministers. Al-Sadr ist als Schiite zwar dem Iran verbunden, doch ging ihm die Einmischung des mächtigen Nachbarlandes zu weit. Er zog wütend seine Abgeordneten zurück. Doch anstatt ihm einen Kompromiss anzubieten, platzierten seine Gegner ihre Leute auf den vakanten Parlamentsposten. Al-Sadr aber tat wieder einmal das, was ihn bei vielen Irakern populär gemacht hat: die ausländische Einmischung in seiner Heimat mit Gewalt stoppen.

Während der Besatzung des Iraks durch US-Invasionstruppen war es al-Sadr, der zwischen 2003 und 2008 den Widerstand organisierte. Seine sogenannte Mahdi-Armee war bei irakischen Gegnern wie alliierten Soldaten für ihre Kaltblütigkeit gefürchtet. Nun richtet sich seine Wut gegen den iranisch-russischen Einfluss. Dass al-Sadr überhaupt noch am Leben ist, liegt an seiner pragmatischen Art, die in einer ideologisch aufgeladenen Region unter religiösen Anführern eher selten ist. Religiöse Verblendung sei ihm fremd, sagen auch ehemalige Gegner. Gegen den immer stärker werdenden Einfluss des Iran, gegen den Saddam Hussein mit westlicher Hilfe einen blutigen Krieg führte, verbündete sich al-Sadr mit seinem Feind, der US-Armee.

Und das, obwohl er vor deren Angriffen auf die Sadristen in Basra 2008 nach Iran hatte fliehen müssen. Nach drei Jahren Exil kehrte al-Sadr nach Bagdad zurück und gab seiner Mahdi-Armee den Befehl, die Angriffe auf die amerikanischen Besatzer einzustellen. Später ging er zusammen mit iranisch unterstützten Milizen, der US-Armee und schiitischen Verbänden gegen einen neuen Feind vor, die Terrormiliz des Islamischen Staates (IS). Trotz ständig wechselnder Allianzen unterstützt ihn die Straße - da er sich stets als Patriot gab.

Nach dem Verschwinden der radikalen Gruppen steht der Irak nun vor der wohl größten Herausforderung seit seiner Unabhängigkeit: der gerechten Verteilung des Ölreichtums und der politischen Macht zwischen den ethnischen Gruppen, ehemaligen Regimeanhängern, deren Gegnern und der gegen Korruption aufstehenden Jugend. Der Mord an seinem Vater, dem Großayatollah Mohammed al-Sadr, durch das Regime Saddam Husseins 1999 scheint ihm eine stete Warnung zu bleiben, dass seine Feinde nicht mit fairen Mitteln spielen. Jetzt heißen diese Feinde Iran und Russland - und ihnen haben seine Anhänger nun klargemacht, dass ein größerer Einfluss ihrer Regierungen im Irak nur mit einem Krieg durchsetzbar ist.

Sollte al-Sadr trotz seiner Eskalation der Gewalt nun einen Kompromisskandidaten für das Amt des Regierungschefs finden, könnte er als Friedenstifter in die Geschichte Iraks eingehen. Trotz des Blutes an seinen Händen.

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