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Kommentar:Das Verbrennen von Erdgas muss so bald wie möglich aufhören

Ölförderung in Pennsylvania

Auch bei der Gas- und Ölförderung per Fracking wie hier in Pennsylvania werden oft große Mengen Methan frei.

(Foto: Jim Lo Scalzo/picture alliance / dpa)

Die menschengemachten Methanemissionen wurden bislang massiv unterschätzt. Das eröffnet neue Chancen im Kampf gegen den Klimawandel.

Wer über Methanemissionen nachdachte, riskierte bislang stets, von einem deprimierenden Gefühl der Hilflosigkeit übermannt zu werden. Das stark wirksame Klimagas lauert schließlich überall. Natürliche Quellen wie Feuchtgebiete setzen es massenhaft frei; wenn dazu noch tauender Permafrost oder Ozeane anfangen sollten, riesige Mengen Methan in die Atmosphäre zu entlassen - dann gute Nacht.

Zwei in dieser Woche erschienene Studien haben die Situation jedoch verändert, und das ist eine gute Nachricht. In Nature berichteten Forscher, dass viel weniger Methan aus geologischen Quellen oder Schlammvulkanen entweicht als angenommen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass mehr Methan in der Förderung und Verarbeitung von Öl, Gas und Kohle frei wird: Um bis zu 40 Prozent dürften diese Emissionen bislang unterschätzt worden sein. In Science wiederum haben Forscher die Bedrohung aus Permafrost und Ozeanen untersucht - mit dem Ergebnis, dass von dort in den kommenden Jahrzehnten eher keine Methan-Bombe droht, zu langsam sind diese Prozesse.

Der Mensch verantwortet einen großen Teil des Methananstiegs. Also kann er ihn auch senken

Beide Arbeiten geben die Verantwortung für den Methanhaushalt an den Menschen zurück: Er trägt bis auf Weiteres die Hauptschuld am hohen Methangehalt der Atmosphäre. Damit hat er aber auch die Macht, ihn wieder zu senken. Denn anders als CO₂ ist Methan in der Atmosphäre recht kurzlebig, es reagiert mit Hydroxylradikalen und ist nach 20 Jahren weitgehend verschwunden. Da Methan bis heute etwa 30 Prozent zur Erwärmung der Erde beigetragen hat, ist das ein starker Hebel, um den Temperaturanstieg zu dämpfen.

Aber man muss ihn auch betätigen. Dafür braucht es dringend bessere Daten: Es kann nicht sein, dass niemand weiß, wo wie viel Methan entweicht. In Kalifornien etwa stammen laut einer weiteren Nature-Studie fast die Hälfte der Emissionen aus Einzelquellen, die hoch konzentrierte Methanwolken abgeben - nicht nur Einrichtungen der Öl- und Gasindustrie, sondern auch Mülldeponien und Kuhställe. Viele Betreiber haben keine Ahnung, was sie da anrichten, und unternehmen daher auch nichts.

Die neuen Erkenntnisse zeigen auch, wie problematisch der noch immer steigende Ölverbrauch und der anhaltende Gasboom sind. Erdgas, das hauptsächlich aus Methan besteht, ist zwar viel weniger klimaschädlich als Kohle. Aber wenn zu viel davon in Produktion und Verarbeitung entweicht, kann das die Bilanz deutlich verschlechtern. Es ist ein weiteres Argument dafür, dass nicht nur das Verbrennen von Kohle, sondern auch von Erdgas so bald wie möglich aufhören muss. Das sollte man bedenken, bevor man in Gas-Infrastruktur investiert, die auf Jahrzehnte ausgelegt ist.

© SZ vom 22.02.2020
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