Medien und Politik:Wozu präzise sein, wenn es auch grob geht

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Medien und Politik: Alle gegen einen: Ausgrenzung nimmt zu, anders als im Schach begleitet Hetze sie.

Alle gegen einen: Ausgrenzung nimmt zu, anders als im Schach begleitet Hetze sie.

(Foto: Vladdeep via imago-images.de/IMAGO/Panthermedia)

Bloß nicht aufklären, bloß nicht innehalten: Teile der Medien betreiben einen enthemmten Diskurs. Zum Beispiel nach Silvester in Berlin.

Kolumne von Carolin Emcke

Es ist Jagdsaison. Die mediale Jagd wird nicht mehr erklärt oder eröffnet, sie wird nurmehr fortgesetzt. Jagdsaison ist mittlerweile immer. Was beliebig variiert, ist allein das Objekt, das gehetzt wird. Mal ist ein einzelnes großes Tier die Beute, mal sind es viele, die als Gruppe gestellt werden sollen, ganz gleich, wie viel sie gemeinsam haben, ganz gleich, ob sich die Vielen überhaupt als Einheit verstehen. Was kein Kollektiv ist, wird vom medialen Mob zu einem gemacht. Jede identitäre Verschlichtung hilft, die zur Jagd nötige geifernde Erregung zu kanalisieren. Jede Differenzierung wäre da lästig. Jede Unterscheidung würde den Fokus der Hetze ungünstig zerstreuen. Ist Ressentiment erst einmal mutwillig ausgeworfen, wird auch menschlicher Beifang nicht geschont. "Ausländer" sind dann auch diejenigen, die eine deutsche Staatsbürgerschaft haben, "fremd" sind dann auch diejenigen, die hier geboren, hier aufgewachsen und sozialisiert sind, "arabisch" umfasst dann auch Afghanistan. Es ist freies rassistisches Assoziieren, das ohne das Wort "Rasse" auskommt. Wozu präzise sein, wenn es auch grob geht. "Grob" ist das neue "besorgt". "Grob" ist legitim, "grob" geriert sich als "wahrhaftig" und "volksnah" - es ist stolzer Exhibitionismus der Grobschlächtigkeit. Das Genre der anti-aufklärerischen Meute ist Behaupten und Verdächtigen. Begründen und Verstehen sind gestrige Ambitionen.

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