Immer wieder wird Medien unterstellt, einseitig zu sein, eine Meinung geradezu vorzugeben. Ich arbeite nun seit einem Monat im Meinungsressort und erlebe das Gegenteil davon: Themen und Thesen kommen aus der ganzen Redaktion im Ressort an. Positionen werden darauf geprüft, ob ein Autor im Stoff ist, ob seine Argumentation in sich stimmig ist. Grenzen werden nur anhand von Fakten und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung gezogen. Sind viele bei einem Thema ein und derselben Ansicht, wird nach einem Redakteur gesucht, der einen anderen Standpunkt vertritt. Manchmal erfolgreich, manchmal vergeblich – wie neulich, als jemand gesucht wurde, der Sanktionen gegen Israel ablehnt. Wir möchten die unterschiedlichen Stimmen der Gesellschaft abbilden. Das bedeutet allerdings keine falsche Ausgewogenheit: Das Ressort hätte beispielsweise 2020 keinen Meinungsbeitrag veröffentlicht, der das Virus für harmlos erklärte, nur damit Letzteres auch einmal gesagt war.
Was am Ende in der Zeitung und auf der Website erscheint, kann nie die absolute Wahrheit sein. Jemand, der sich beispielsweise mit der Lage in der Ukraine auskennt, der an der Front war und gesehen hat, welche Waffen den Soldaten fehlen, hat das Für und Wider abgewogen und ist zum Beispiel zu der Überzeugung gelangt, Deutschland solle Taurus-Marschflugkörper liefern. Niemand muss sich dieser Überzeugung anschließen: Manchmal ist es aber schon wertvoll, mithilfe einer gegenteiligen Auffassung das eigene Urteil zu schärfen.
In einer Welt, in der absolute, unversöhnliche Aussagen Mode sind, kommt es dem Meinungsressort weniger auf Meinungen an als auf Argumente. Echter Streit heißt nicht, dass man sich danach nicht mehr in die Augen sehen kann; ob es nun um die Generationen und die Rente geht, oder darüber, ob ein Kanzler einen Krieg als „Drecksarbeit“ bezeichnen darf. Eine ernsthafte Debatte bereichert und fordert heraus. Was man dabei sicher immer wieder lernt: das eigenständige Denken. Darin ist jeder völlig frei.

