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Raumfahrt:Der Traum von neuen Welten

Der Mars-Mythos ist wirkmächtig bis heute; auch das Interesse an der jüngsten Mars-Mission der Nasa ist ein Beweis dafür.

(Foto: AP/AP)

Seit fast 150 Jahren löst der Mars bei den Menschen Fantasien aus. Außerirdische hat man da draußen bisher nicht gefunden, das Allzu-Irdische aber durchaus.

Kommentar von Kurt Kister

Schuld sind die Marskanäle, gäbe es sie denn. 1877 glaubte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli erstmals geradlinig verlaufende, sehr lange Vertiefungen auf dem Mars wahrzunehmen. Sie wurden alsbald als Marskanäle bekannt, zumal da der US-Astronom Percival Lowell darüber spekulierte, dass in den Hunderte Kilometer langen Senken irgendwann einmal Wasser geflossen sein könnte, dass sie vielleicht sogar keinen natürlichen Ursprung haben könnten.

Wasser? Wasser bedeutet Leben. Und der Mars ist ein Planet, fast wie die Erde, sichtbar für die Menschen. Also lag die populäre Schlusskette Wasser - Leben - (künstliche?) Kanäle nahe. Der Mythos vom Mars und den Marsmenschen war geboren; von Groschenheften und ernsthaften Schriftstellern (H.G. Wells), in Comics und Bilderbogen wurde er jahrzehntelang vertieft. Die kleinen grünen Männchen vom Mars gehören zur Grundausstattung der globalisierten Populärkultur.

Der Mars-Mythos ist wirkmächtig bis heute; auch das Interesse an der jüngsten Mars-Mission der Nasa ist ein Beweis dafür. Zwar weiß man dank moderner Teleskope und Sonden, dass es keine Kanäle auf dem Mars gibt. Das aber tut dem Bemühen keinen Abbruch, herausfinden zu wollen, ob Leben irgendeiner Art da oben (ist der Mars eigentlich oben?) existiert - und sei es Leben von der Größe des Coronavirus.

Der Mars ist die unwirtlich gewordene Erde

Jenseits der wissenschaftlichen Motivation hat die Raumfahrt auch immer mit dem Selbstverständnis derer zu tun, die Raketen zum Mars oder anderswohin schicken. Sie wollen sich selbst, ihren Gegnern und der ganzen Welt beweisen, dass sie "es" können, dass Indien, China oder die Emirate nicht mehr zurückstehen müssen hinter den einstigen Supermächten USA und Russland (früher Sowjetunion). Außerirdische hat man da draußen bisher nicht gefunden, das Allzu-Irdische aber - Konkurrenz und Selbstpromotion - durchaus. In diesem Sinne ist der Mars auch nur die schlechte, alte Erde.

Anders als der Mond - nur ein Erdtrabant, der seit 1969 sehr nahe gerückt ist - war und ist der Mars auch Lieblingsprojektionsplanet für gute und schlechte Fantasien. Die Invasion vom Mars gehört seit Wells' "Krieg der Welten", also 1898, zum Standardrepertoire ernsthaft fremder Bedrohungen.

Außerdem dient der rote Wüstenplanet als Kulisse für alle möglichen prä- und postapokalyptischen Gleichnisse in Unterhaltungsliteratur und Kino, die den Überlebenskampf auf dem Mars zum Vordergrund, das allmähliche oder plötzliche Absterben der Erde aber zum Hintergrund haben. Der Mars ist eben auch die unwirtlich gewordene Erde.

Aus der Garage heraus den Mars besiedeln

Und schließlich steht der Mars auch noch für die Hoffnung. Etliche mittelmäßig nerdige Milliardäre wie Richard Branson, Jeff Bezos oder Elon Musk wollen in absehbarer Zeit Menschen auf den Mars schicken. Vor allem Musk ist der typische Vertreter eines Big-Bang-Milieus, in dem kluge Sci-Fi-Autoren wie Ray Bradbury oder Philip K. Dick die Visionen geprägt haben, und in dem man aus einer Garage heraus auch den Mars besiedeln kann.

Musk oder Bezos, die binnen eines Jahrzehnts die Reichsten auf diesem Planeten geworden sind, peilen nun den nächsten an, den Mars. Es ist der Traum vom guten Kolonialismus draußen im All.

© SZ/de/pram
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