Union:Markus Söders Spitze gegen Friedrich Merz

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Kann man auf etwas verzichten, das einem gar keiner angetragen hat? Der CSU-Vorsitzende kann, natürlich. Und ebenso natürlich: Der "Verzicht" ist eine Unverschämtheit gegenüber zwei CDU-Ministerpräsidenten.

Kommentar von Boris Herrmann

Dass Markus Söder bereits jetzt auf die Kanzlerkandidatur der Union im Jahr 2025 verzichtet, ist natürlich aller Ehren wert. Es zeigt, dass der CSU-Chef durchaus lernfähig ist, denn auf die Kanzlerkandidatur des Jahres 2021 scheint er bis heute innerlich nicht verzichtet zu haben. Andererseits stellt sich hier die philosophisch angehauchte Grundsatzfrage, ob man überhaupt auf etwas verzichten kann, das einem keiner angetragen hat. Aktuelle Meldungen, wonach sich Söder bezüglich der K-Frage soeben "aus dem Rennen" genommen habe, klingen jedenfalls ein bisschen so, als würde sich Armin Laschet freiwillig aus dem Rennen um den CDU-Ehrenvorsitz nehmen.

Mit seinen Aussagen im ARD-Sommerinterview hat sich Markus Söder einer Debatte entzogen, die es noch gar nicht gab - zumindest bis zum Zeitpunkt dieser Aussagen. Nicht nur angesichts der Weltlage, der täglichen Frontberichte, der deutschen Heizungsangst und des auf unschöne Weise wieder interessanter werdenden Inzidenzwertes wären CDU und CSU regelrecht verrückt, wenn sie jetzt anfingen, über ihre Binnenmachtfrage im Bundestagswahljahr 2025 zu diskutieren. Aber genau das hat Söder getan. Seine Verzichtserklärung ist eine nicht einmal unzulänglich getarnte Spitze gegen CDU-Chef Friedrich Merz. Sie ist aber auch eine Unverschämtheit gegenüber den frisch wiedergewählten CDU-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst und Daniel Günther, die nun von Söder hochoffiziell gegen Merz in Stellung gebracht wurden.

Selbstverständlich kommen die beiden - im Gegensatz zu Söder - als Kanzlerkandidaten für 2025 infrage, schon allein deshalb, weil der Oppositionsführer Merz dann 70 Jahre alt wird. Es hilft aber weder Wüst noch Günther, wenn ihr bayerischer Kollege das nun mit der Aura eines Insiders ausplaudert. Da gebe es "so tolle Leute" in der CDU, hat Söder mit Blick auf die Kandidatenfrage gesagt. Zumindest in der Kunst des vergifteten Lobs gehört er weiterhin bundesweit zur Spitze.

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