Markus Söder:Wie im Wienerwald, nur anders

Der CSU-Chef von heute spricht über den CDU-Kanzlerkandidaten von heute. Er steht in einer schönen Tradition.

Von Sebastian Beck

Wer CSU-Chef Markus Söder in diesen Tagen besser verstehen will, der sollte einen Blick in die heiligen Schriften der Partei werfen, speziell in die "Wienerwaldrede" von Franz Josef Strauß. Es war am 24. November 1976, als der große Vorsitzende in einem Schulungsraum der Hühnerbraterei vor die Junge Union trat und sprach: "Und glauben Sie mir eines, der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden, der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat, Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche. Vielleicht ist das letzte Kapitel in Sibirien geschrieben oder wo."

Wenn nun Söder 45 Jahre später bei jeder Gelegenheit über den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet herzieht, dann folgt er also einerseits einer schönen Tradition der CSU, die sich bis hinunter in den letzten Ortsverband für schlauer hält als die dämliche Verwandtschaft aus der CDU. Andererseits schlägt Söder im Vergleich zu seinem Vorbild Strauß einen geradezu freundlichen Ton an, wenn es ums Herabsetzen geht. Er lobt Laschet gönnerhaft: "Er ist schon ein sehr, sehr guter Politiker." In einem Interview sagt Söder: "Die Wahlzettel sind gedruckt und die Wahlplakate geklebt, da macht es keinen Sinn, über einen Kandidatentausch zu reden." Laschet kann sich also der "hundertprozentigen Unterstützung" aus München sicher sein. Auf Wienerwald-Deutsch übersetzt heißt das: "Ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen." Das sagte Strauß über Kohls Kanzler-Ambitionen.

So grob würde Söder freilich nie draufhauen. Er hat schließlich bei seinem Vorgänger Horst Seehofer gelernt, der Gegner lächelnd abfertigen konnte. Auch Söder fiel ihm mal zum Opfer, auf der ebenfalls legendären CSU-Weihnachtsfeier 2012: Dort plauderte Seehofer über die "charakterlichen Defizite" Söders, der ihn ein paar Jahre später verdrängte. Der so unfähige Kohl wurde Kanzler. Und Laschet? Auch er müsste demnach allerbeste Aussichten haben.

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