Mali:Ahnungslos, also verwundbar

Deutschland meldet Nato höchste Budgeterhöhung seit Jahrzehnten

Unterwegs im Sahel: ein Bundeswehrsoldat nahe der Stadt Gao im Norden von Mali.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Der Angriff auch auf deutsche Soldaten wird die Debatte über den Sinn des Einsatzes neu befeuern. Klar ist: Militärisch sind die Probleme im Sahel auf keinen Fall zu beheben.

Kommentar von Arne Perras

In einem so unübersichtlichen Terrain wie den Halbwüsten und Bergen des Sahel sind belastbare Informationen über Bewegungen des Gegners das halbe Leben. Doch was man im militärischen Jargon gemeinhin als "Intelligence" bezeichnet, fehlt den Blauhelmtruppen im Norden Malis offenbar. Wie gefährlich das ist, macht die Terrorattacke auf ein temporäres Camp der Soldaten deutlich, bei der auch Deutsche am Freitag teils schwer verwundet wurden. Die Einheiten sind dort exponiert und verletzlich, wenn sie sich vorwagen in Gebiete, in denen ortskundige Extremisten auf ihre Chance lauern.

Bislang hat vor allem Frankreich erlebt, wie riskant solche Einsätze gegen die Dschihadisten sind. Als führende Militärmacht in der Region hat Paris die verlustreichsten Einsätze im Sahel zu verzeichnen, 55 französische Soldaten sind dort bislang gestorben. Ihr Einsatz ist in der Heimat zunehmend unpopulär.

Die Verwundbarkeit der Truppen wird nun, mitten im Wahlkampf, auch die deutsche Debatte über Sinn und Unsinn des Einsatzes neu befeuern. Dabei geht es nicht alleine um die Frage, ob die Soldaten durch bewaffnete Drohnen besser geschützt werden könnten. Denn die Entwicklungen der vergangenen Monate machen deutlich, dass der multinationale Einsatz gegen den Terror nicht recht vorankommt. Die Länder des Sahel sind zunehmend anfällig geworden für extremistische Strömungen; Terrorgruppen erobern Raum und Einfluss, auch weil jene Kräfte, die dort regieren, keine Perspektiven für ihre Bevölkerungen schaffen konnten und dies auch jetzt nicht tun.

Die Bundeswehr bildet malische Soldaten aus. Und was tun die? Putschen

+Schmuggel und Banditentum ist seit langer Zeit ein notorisches Problem in der Region, doch jenen Kräften, die terroristische Ideologien verbreiten und einem radikal-islamistischen Kompass folgen, ist mit militärischen Mitteln alleine kaum beizukommen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat aus wachsendem Frust über die Lage zuletzt die Konsequenz gezogen, viele seiner Einheiten bald abzuziehen. Und auch auf deutscher Seite ist damit zu rechnen, dass der jüngste Anschlag die Rufe nach einem Rückzug sehr viel lauter werden lässt.

Für die deutsche Öffentlichkeit ist der Einsatz im Sahel immer noch sehr weit weg. Terrornetzwerke dort zu bekämpfen, das klingt erst einmal sehr einleuchtend - schon weil die Gegenden Europa so nahe sind. Aber eine Feuerwehrtruppe alleine wird die politischen Defizite all dieser Staaten nicht beheben. Und Europas Regierungen müssen sich der Frage stellen, ob eine massive Militarisierung Erfolg versprechen kann, wenn gleichzeitig alle politischen Probleme ungelöst bleiben. Nichts verdeutlicht das Problem deutlicher als der Widerspruch, der sich mit der Ausbildung malischer Soldaten durch die Bundeswehr verbindet: Welchen Sinn hat sie, wenn sich ebendiese Truppe mal schnell an die Macht putscht, wie vor einem Monat geschehen?

Europas offene Flanke in den Halbwüsten Nordafrikas ist eine Bedrohung, die weit mehr analytische Aufmerksamkeit erfordert, als sie bekommt. Ein überhasteter Abzug wäre ebenso verheerend, wie unbekümmert so weiterzumachen. Vielleicht aber ist der jüngste Angriff ein Weckruf, der Europa zwingt, die Krise im Sahel neu zu durchleuchten und daraus Schlüsse zu ziehen, die einem Zerfall der Staaten nicht nur militärisch, sondern auch politisch entgegenwirken.

© SZ
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