Großbritannien:Unverschämt? Jedenfalls immer höflich

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FILE PHOTO: Britain's Minister of State Lord David Frost walks outside Downing Street in London

Seit einem Jahr mit Adelstitel: David Frost, 56, britischer Brexit-Minister.

(Foto: HANNAH MCKAY/REUTERS)

Lord David Frost, der britische Brexit-Minister, macht bei den eigenen Leuten wieder Punkte - jetzt im Fischereistreit mit Frankreich.

Von Alexander Mühlauer

Für Lord David Frost hat die Woche ziemlich gut begonnen. Um zu verstehen, warum das so ist, genügte am Dienstag ein Blick in die konservativen Zeitungen. Fast wortgleich berichteten die Times und der Daily Telegraph über einen angeblichen Rückzieher des französischen Präsidenten. Emmanuel Macron, so die Lesart in London, ist am Montagabend im Fischereistreit mit der britischen Regierung eingeknickt. Und das sei vor allem einem Mann zu verdanken: Lord Frost, dem Brexit-Minister im Kabinett von Boris Johnson.

Es ist nicht das erste Mal, dass Frost, 56, in den eigenen Reihen gefeiert wird. Die Tories und die ihnen zugeneigte Presse stellen ihn gerne als den Mann dar, der den Europäern unmissverständlich klarmacht, was der Brexit bedeutet. Im Streit mit Paris heißt das: Es dürfen nur jene französischen Fischer ihre Netze in britischen Gewässern auswerfen, die das bereits vor dem Brexit getan haben. Alle anderen bekommen keine Lizenz. In London ist man guter Hoffnung, dass Macron dies nun eingesehen hat, als Rückzieher wertet man, dass er ein Ultimatum ausgesetzt und Drohungen nicht wahr gemacht hat, unter anderem von Dienstag an die Insel Jersey nicht mehr mit Energie zu beliefern.

Am Donnerstag nach Paris, am Freitag nach Brüssel

Wie es nun weitergeht, liegt jetzt erneut an Frost. Er wurde zu Verhandlungen nach Paris eingeladen. Frost sagte zu und ließ ausrichten, dass er sich auf die Gespräche am Donnerstag freue. Man kann unterstellen, dass das ernst gemeint ist, schließlich ist Frost etwas gelungen, was so nicht unbedingt zu erwarten war: Er hat den Spieß im Brexitstreit umgedreht. Bislang waren es ja die Briten, denen die EU mangelnde Vertragstreue vorgeworfen hatte - jetzt warnen die Briten die Franzosen, vertragsbrüchig zu werden, sollten sie ihre Drohungen tatsächlich wahr machen.

Frost wird dieses Narrativ weiter für sich zu nutzen wissen. Mit Sicherheit auch am Freitag, wenn er in Brüssel über den bedeutendsten Konflikt mit der EU verhandelt: die Zukunft Nordirlands. In Brüssel wird Frost durchaus geschätzt. Anders als Johnson zeichne er sich durch ruhige Art und Detailwissen aus, heißt es. EU-Beamte, die mit ihm zu tun hatten, beschreiben den Briten als umgänglichen Verhandler, der seine Forderungen stets höflich vortrage, auch wenn sie unverschämt seien.

Seine Heimat sind die Midlands. Von Derby aus ging es zunächst in die Nachbarstadt Nottingham an die High School, später nach Oxford, wo er Französisch und Geschichte studierte. Seine Karriere begann Frost 1987 im britischen Außenministerium. Als er Anfang der Neunziger nach Brüssel geschickt wurde, lernte er dort die Mechanismen der EU kennen. Die Arbeit in der britischen Vertretung soll ihn desillusioniert haben. Mit dem europäischen Esprit, der viele ansteckt, die nach Brüssel entsandt werden, konnte Frost offenbar nicht viel anfangen.

Den Adelstitel hat er seit 2020

In den Nullerjahren vertrat er das Vereinigte Königreich als Botschafter in Dänemark. 2013 verließ er den diplomatischen Dienst und wurde Chef der Scotch Whisky Association, des Verbandes der schottischen Whiskyproduzenten also. Damals war Frost noch voll des Lobes für den EU-Binnenmarkt. 2016 holte Johnson ihn als Berater ins Außenministerium. Drei Jahre später führte Frost die Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens aus der EU. Er tat das ganz im Sinne Johnsons, worauf dieser dafür sorgte, dass Frost im Sommer 2020 ins House of Lords kam. Seitdem trägt er seinen Adelstitel. Im März holte der Premier Frost ins Kabinett. Als Minister of State ist er für die Umsetzung des Brexit zuständig.

Aus Johnsons Sicht zeichnet sich Frost vor allem durch seine Loyalität aus. Und durch seinen unbedingten Willen, die Brexit-Ideologie in Taten umzusetzen. Was Frost darunter versteht, werden seine Gegenspieler in Paris und Brüssel nun erneut erfahren.

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