Süddeutsche Zeitung

Lockdown:Deutschland braucht intelligente Lockerungen

Vor dem Bund-Länder-Treffen am heutigen Dienstag wurde fast nur über Einschränkungen diskutiert. Das genügt nicht, um heil durch die Pandemie zu kommen. Die Kollateralschäden durch die rigide Macht-alles-zu-Politik sind zu hoch.

Kommentar von Nina Bovensiepen

Dieser Tweet der Münchner Polizei machte bundesweit Karriere: "Nein, ein Buch auf einer Bank lesen, ist nicht erlaubt." Es war die Antwort auf eine Frage zu den Corona-Regeln im ersten Lockdown. Lang ist's her. Seither haben sich die Menschen an viele neue Vorschriften gewöhnt. Zunehmend regt sich aber Überdruss, keineswegs nur bei Virusleugnern. Und der ist berechtigt.

Die weitgehende Stilllegung des gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens wird inzwischen mit einer Rigidität betrieben, die weder durchhaltbar noch klug ist. Wenn bereits vor den Gesprächen an diesem Dienstag von Kanzlerin Angela Merkel mit den Länderchefinnen und -chefs wieder fast nur über Einschränkungen diskutiert wird, stimmt dies bedenklich. Deutschland braucht neue Ideen fürs neue Jahr. Es sind differenzierte, kreative Lösungen und Lockerungen nötig, damit die relativ radikale Macht-alles-zu-Politik nicht noch verheerendere Folgen hat.

Die Politik hatte bisher vor allem die Gesundheit der Menschen und Hilfen für die Wirtschaft im Blick. Zweifellos immens wichtig. Es ist aber zu vieles andere vernachlässigt worden: die Sinnerfüllung, die es für eine Künstlerin oder einen Friseur hat, ihre Berufe auszuüben; die geistige Bereicherung durch einen Konzertbesuch; die soziale Bedeutung auch kurzer Kontakte für einsame oder alleinlebende Menschen; die Kraft, die aus Gemeinschaftssport erwachsen kann - um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Alles auf einmal lässt sich nicht wiederherstellen. Aber anfangen ließe sich. Beispiel Einzelhandel: Zu Recht verstehen bayerische Ladenbesitzer nicht, warum Kunden bei ihnen keine Waren abholen dürfen. Zugleich bleibt Gastronomen der To-go-Betrieb erlaubt. Eine Pizza darf man holen, ein Puzzle nicht. Das ist unlogisch und verkennt, wie schlecht es vor allem vielen kleinen Geschäften geht. Statt derlei zu verbieten, könnten alle Länder den Ladenschluss lockern - wie es das Saarland in der Pandemie im Lebensmittelhandel getestet hat, um Kundenströme zu entzerren. Man könnte auch in anderen Geschäften das Abholen von Waren bis zum Beispiel 22 Uhr ermöglichen, mit Zeitslots, um Schlangen zu vermeiden.

Warum dürfen Flugzeuge abheben, während die Kultur untergeht?

Viel zu kurz gekommen ist auch die Debatte um das Anlaufen des Kulturbetriebs, dessen enorme Relevanz unterschätzt wird. Opern, Theater und Museen bieten reichlich Platz zum Abstandhalten. Wie lange soll Künstlern, Intendanten und Publikum noch das Gefühl vermittelt werden, Kultur sei zweitrangig? Das ist sie nicht, ein langsames Hochfahren wäre möglich. Das mag wieder ungerecht gegenüber Musikklubs und engen Kleinkunstbühnen sein - so wie jedes Differenzieren Konfliktstoff bietet. Doch womit ist bisher zu rechtfertigen, dass die Lufthansa ihre Flieger bis an die Grenzen füllen darf, während die Kultur untergeht?

In den Blick nehmen könnte man auch Erlebnis- und Naturflächen im Freien, zu denen sich Zugänge regeln lassen: Sportstätten, botanische Gärten, Zoos. Natürlich lässt sich auch hier argumentieren, dass ein Ausflug mit den Kindern zum Lieblingselefanten im Tierpark nicht überlebensrelevant ist. Es lässt sich aber umgekehrt auch fragen: Wie hoch ist sonst der Preis?

Es ist Zeit, diese Fragen zu beantworten. Auch weil Regeln am ehesten befolgt werden, wenn sie sinnvoll erscheinen. Weshalb gegen das Lesen von Büchern auf Parkbänken derzeit höchstens eines sprechen sollte: der Winter.

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