Profil:Monika Borgmann-Slim

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(Foto: Bilal Hussein/AP)

Preisgekrönte deutsche Journalistin im Libanon

Von Thore Schröder

"Warum tust Du das?", fragte sich die Journalistin Monika Borgmann, als ihr Flugzeug kurz vor Jahresende 1986 über Beirut kreiste. Es war ihr erster Besuch in der libanesischen Hauptstadt, in der damals noch Bürgerkrieg herrschte und schon die Landung Schwierigkeiten bereiten konnte. "Es gibt nicht die eine Antwort auf diese Frage, es gibt viele", sagt sie heute, mittlerweile 58 Jahre alt, seit 20 Jahren wohnhaft eben dort in Beirut, seit über zehn Monaten verwitwet.

"Das" - das war die Auseinandersetzung mit Gewalt. Sie wollte dieses Phänomen verstehen. "Als Deutsche", erklärt sie im Singsang ihrer Heimatstadt Aachen, der auch durchklingt, wenn sie Englisch, Französisch oder Arabisch spricht, munter zwischen den Sprachen wechselt. Es sei einfacher, sich in einem anderen Land als dem eigenen damit zu beschäftigen. Deshalb also kam Monika Borgmann in den Nahen Osten, nach Beirut, produzierte Radiobeiträge über den Alltag im Krieg, sprach mit Heckenschützen und Familien von Verschwundenen. Im Sommer 2001 hatte sie sich in den Kopf gesetzt, einen Film über das Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila zu produzieren. "Ihr seid an denselben morbiden Themen interessiert, ihr solltet miteinander reden", sagte ein Freund, der syrische Dokumentarfilmmacher Ali al-Atassi, bevor er der deutschen Journalistin den libanesischen Verleger Lokman Slim vorstellte.

2004 heirateten sie, 2005 feierte der gemeinsame Film "Massaker" bei der Berlinale Premiere. Darin erzählen sechs Milizionäre, wie sie 1982 zu Tätern wurden. Dieses Rühren an Geschehenem, für den es den etwas irreführenden, weil Überwindung suggerierenden Begriff "Vergangenheitsbewältigung" gibt, wurde zur Bestimmung der Eheleute. 2004 gründeten sie gemeinsam UMAM, ein Dokumentations- und Forschungszentrum zur jüngeren Geschichte Libanons. Ihre Arbeit war Tabubruch und Provokation in einem Land, das vor allem vergessen wollte. Umso mehr, als dass die Organisation bis heute von Haret Hreik aus operiert. In den südlichen Vororten Beiruts, der Dahiye, liegt die Familienvilla der Slims, mitten im Herrschaftsgebiet der schiitischen Miliz-Partei Hisbollah. Im Sommerkrieg 2006 wurde die Gegend von israelischen Bomben getroffen, auch Teile des Archivs von UMAM nahmen Schaden.

Aufgeben aber war nie eine Option für das Paar. Dafür gab es weiterhin zu viel aufzuarbeiten. 2016 erschien ihr Film "Tadmor", in dem Ex-Häftlinge die Qualen in einem syrischen Foltergefängnis nachspielen. 2019 engagierten sie sich bei den Massenprotesten, die leider so wenig ändern konnten am anhaltenden Niedergang Libanons. Nach der Explosion im Hafen, die am 4. August 2020 weite Teile Beiruts verwüstete, erhob Lokman Slim Anklage gegen die Hisbollah und das Assad-Regime als Hauptverdächtige für die Katastrophe.

So richtig, sagt Monika Borgmann-Slim, hat sie noch immer nicht begriffen, dass die Gewalt, die sie seit über 30 Jahren vor Augen hatte, tatsächlich so brutal eingetreten ist in ihr Leben: Am 3. Februar wurde ihr Ehemann bei einem Ausflug in den Süden von einem Unbekannten erschossen. Borgmann-Slim und Slims Schwester Rasha al-Ameer, die den Verlag Dar al-Jadeed weiterführt, fordern eine internationale Untersuchung.

Die Deutsche aus der Dahiye hat sich seit dem Tod ihres Partners mit noch mehr Furor in die Arbeit gestürzt. Gerade hat UMAM eine Ausstellung zur verlorenen Kinokultur in Tripoli eröffnet. Die neu gegründete Lokman Slim Stiftung stellt sich "der Kultur der Straflosigkeit" entgegen. Dazu betreibt Borgmann-Slim das MENA Prison Forum, das sich mit der exponentiell gestiegenen Gefangenenzahl in der Region auseinandersetzt. Maßgeblich gefördert wird all das von der Botschaft der Bundesrepublik. Anfang Dezember wurde Monika Borgmann-Slim mit dem deutsch-französischen Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

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