Süddeutsche Zeitung

Literatur:Endlich tut sich was

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Nach der Absage der Leipziger Buchmesse begehrt die Szene mit alternativen Veranstaltungen auf. Das wurde Zeit, denn Kultur braucht die Gemeinschaft und die Zusammenkunft

Kommentar von Kia Vahland

Aufbegehren kann sich lohnen. Man muss nicht hinnehmen, dass das kulturelle Leben mehr oder weniger auf schlecht besuchte Videotalks zusammenschnurrt, jedenfalls nicht, dass dies dauerhaft über die Pandemie hinaus geschieht in einem reichen Land mit vielen Kreativen. Wie das geht - und wie nötig es ist -, zeigen die Vorgänge in Leipzig. Da war die Buchmesse im dritten Jahr abgesagt worden, nachdem sich recht kurzfristig vor allem Großverlage wie Penguin Random House und die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck verweigert hatten - vielleicht sagten sie aus Corona-Sorgen ab, vielleicht aber auch, um Geld zu sparen; Bestseller verkaufen sich auch so.

Autorinnen, Leser, Verlegerinnen, Lektoren protestierten und riefen ein Pop-up-Format ins Leben: ein Fest des Lesens, eine Versammlung der von Konzernen unabhängigen Häuser vom Hanser- bis zum Verbrecher-Verlag. Zu den Unterstützern dieser alternativen Messe gehört die Stadt Leipzig, die Veranstaltungen bezuschussen will. Und Kulturstaatsministerin Claudia Roth möchte in einem "Zukunftsgespräch" klären, wie es weitergeht. Sollte nicht eine schlimme neue Corona-Welle bis in den März 2023 hinein wüten, werden einflussreiche Verlage es kaum noch vertreten können, dann nicht anzureisen. Egal, was die Controlling-Abteilungen sagen.

Die Publikumsmesse von Leipzig strahlt nach Osteuropa aus

Das ist ein wichtiger Erfolg. Die Leipziger Buchmesse ist eine Publikumsmesse. Sie zieht nicht nur Buchagentinnen und Marketingleute an, sondern auch Bücherfreunde, die außerhalb der Branche ihr Geld verdienen. Insbesondere strahlt die Leipziger Messe über Ostdeutschland nach Osteuropa aus und ist so auch für die Literatenszene in Polen, der Ukraine, Rumänien und anderswo ein Fixpunkt. Viel ist gerade die Rede von der Notwendigkeit, in geopolitisch aufgeheizter Lage einander zu verstehen und zu übersetzen - da sollte man doch nicht ausgerechnet bei den kulturellen Formaten sparen, die es dafür schon gibt.

Der Erfolg der Alternativ-Veranstalter weist aber auch über Leipzig hinaus. Viele Kulturmenschen haben sich in der Pandemie seltsam zaghaft verhalten. Klar, niemand wollte das eigene Publikum gefährden, und auch mit dem uneinsichtigen Querdenkertum macht man sich lieber nicht gemein. Doch einen bitteren Geschmack hinterlässt die Selbstverständlichkeit, mit der die Politik mit ihren Anti-Corona-Maßnahmen etwa auf Gastronomen und Einzelhändlerinnen seit zwei Jahren mehr Rücksicht nimmt als auf Bildungsträger, Kulturveranstalterinnen und Künstler. Wenn Kultur nur in Sonntagsreden geschützt und gepriesen wird, ansonsten aber als nachrangiger Luxus gilt, hat das Folgen, und irgendwann ist dann das kulturelle Leben wirklich gefährdet. Darüber nicht nur zu klagen, sondern gemeinsam etwas dagegen zu unternehmen, fiel den Betroffenen lange schwer. Umso beflügelnder auch auf andere kulturelle Sparten wirkt der Aufstand von Leipzig.

Die Buchbranche hat sich nach anfänglichem Corona-Schock erholt, Musikerinnen und freien Theatern etwa geht es deutlich schlechter. Lese- und Schreibkultur aber ist mehr als die Gewinnmargen, die sie hervorbringt - und auch diese brechen irgendwann ein, wenn über Texte nicht mehr geredet wird. Zur Lust am Buch gehört der Streit und auch das Feiern. So wie zur Kultur insgesamt die ganz reale Zusammenkunft gehört, das gemeinsame Denken, Schauen, Sprechen und Handeln.

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