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Landwirtschaft:Weg von der Droge

Ein Viertel der Agrarsubventionen in Deutschland soll künftig an Umweltleistungen geknüpft werden. Gelingt nun die Abkehr vom kranken System der Beihilfepolitik? Dazu müsste noch mehr passieren.

Von Michael Bauchmüller

Eine naturnähere Landwirtschaft fordert sich leicht. Wer hat schon etwas gegen mehr Artenvielfalt auf Äckern und Weiden, gegen gute Böden und Klimaschutz? Geld verdienen lässt sich damit allerdings nicht gut: Handel und Weltmärkte drücken die Preise, und viele Verbraucher schätzen zwar eine intakte Natur, noch mehr aber den günstigen Einkauf. In dieser Falle sitzen die Landwirtinnen und Landwirte. Was aber, wenn sie für eine naturnahe Bewirtschaftung gezielt entlohnt würden?

An diesem Dienstag soll nach zähem Ringen eine Reform der deutschen Agrarpolitik das Kabinett passieren. Ein Viertel der Direktzahlungen an die Landwirte soll künftig an Umweltleistungen und Artenschutz geknüpft sein, mehr Geld denn je in regionale Projekte und den Ökolandbau fließen. Wer Flächen sich selbst überlässt und so Rückzugsorte für seltene Arten schafft, wer auf Pestizide verzichtet oder Blühstreifen anlegt, soll dafür künftig entlohnt werden. Das alles wird noch keine Revolution auf deutschen Feldern und Wiesen entfachen. Aber es ist ein erster Schritt auf dem Weg in eine nachhaltigere Landwirtschaft. Eine längst überfällige Kurskorrektur, eine Abkehr vom System der europäischen Agrarsubventionen.

Bislang verteilt Europa seine Milliarden vor allem je nach Fläche, was große Betriebe begünstigte, die Bodenpreise unnötig anheizte und letztlich die Intensivierung der Landwirtschaft vorantrieb. Die Umwelt spielte nur auf dem Papier eine Rolle, implizit leisteten die Beihilfen dem Verlust an Biodiversität sogar noch Vorschub: Intensive Landwirtschaft und Artenvielfalt vertragen sich nicht besonders.

Heraus aus einem System, das schiere Größe belohnt

Subventionen sind leider eine Droge, von der ihre Empfänger schwer loskommen. Eine Abkehr von dem kranken System schafften die Europäer nicht gemeinsam, stattdessen haben sie die Verteilung der Agrarmilliarden nun wieder stärker in die Hände der einzelnen Staaten gelegt- und sich so aus der Logik der kleinsten Schnittmenge befreit. Auf dieser Renationalisierung fußen auch Pläne wie der aus Deutschland.

Schon bald beginnen in Brüssel die ersten Gespräche über die nächste Periode der europäischen Agrarpolitik, es geht um die Jahre nach 2028. Dann könnten weitere Mittel umgeschichtet werden, dann ließe sich der neue Kurs forcieren - heraus aus einem System, das schiere Größe belohnt, hin zu einer Förderung, die Leistungen für die Allgemeinheit würdigt, die Vielfalt auf Äckern und Weiden fördert.

Auch das ist noch nicht alles. Eine Landwirtschaft, die Rücksicht auf Umwelt- und Artenschutz nimmt, darf für die Bauern kein Wettbewerbsnachteil sein, der fortwährend aus Steuermitteln wettgemacht werden muss. Auf Dauer werden die Europäer eine nachhaltige, Arten schützende Landwirtschaft europaweit zum Standard machen und, nicht minder wichtig, auch über Handelsverträge verankern müssen. Nur so lässt sich der Unterbietungswettlauf auf Kosten von Umwelt und Natur durchbrechen. Das ist ein langer Weg. Aber Natur, Bürger und Landwirte in Europa werden ihn danken.

Insofern ist die Einigung innerhalb der Bundesregierung - wenn sie nicht noch im Bundestag verwässert wird - zwar nur ein erster, aber ein wichtiger Schritt. Nach Jahren einer verkorksten Beihilfepolitik weist er zumindest in die richtige Richtung. Endlich.

© SZ
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