Marilyn Monroe ist 1962 gestorben. 1963 wurde Viktor Orbán geboren. Nach allem, was man über Karma, Seelenwanderung und den nie endenden Kreislauf von Tod und Wiedergeburt weiß, war das kein Zufall. Jedenfalls muss man aus Brüsseler Perspektive zu diesem Schluss kommen, denn dort ist offensichtlich, dass Viktor Orbán die Reinkarnation von Marilyn Monroe ist. „A kiss on the hand might be quite continental“, hat die Schauspielerin einst gesungen. Und siehe: Bei jedem EU-Gipfeltreffen verteilt der ungarische Regierungschef an die Damen Handküsschen, als sei er bei einem kaiserlich-königlichen Offiziersball. Selbst die von ihm so verachtete Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bekommt eins.
Ein Netzwerk aus korrupten Geldflüssen
Und natürlich weiß Viktor Orbán, wie damals die Monroe, dass man allein mit guten Manieren nicht die Miete bezahlen kann. Das ist schließlich Marilyns ewige Wahrheit: „Diamonds are a girl’s best friend.“ Um an der Macht zu bleiben, hat der Ungar ein verzweigtes Netzwerk aus korrupten Geldflüssen geschaffen, aus dem er zudem für sich, seine Freunde und Familienangehörigen ein hübsches Sümmchen abzweigt. Orbáns beste Freunde sind die Euros, die ihm die EU überweist und mit denen er dieses Netzwerk bewässert.
Das ist weder neu noch, wenn man ehrlich ist, ein ungarisches Alleinstellungsmerkmal. Geld ist ein Klebstoff, der die Europäische Union zusammenhält. Das Problem mit Viktor Orbán ist, dass er einerseits mit viel Freude und Gier in den Geldtopf greift, den andere EU-Länder füllen; dass er andererseits aber keinerlei Bereitschaft mehr zeigt, sich gegenüber diesen Ländern auch nur halbwegs loyal zu verhalten.
Russland ist ihm näher als Europa
Die Enthüllung, dass Orbáns Außenminister Péter Szijjártó seinen russischen Kollegen Sergej Lawrow offenbar in Echtzeit über die Beratungen in der EU zum Ukrainekrieg informiert hat, ist nur das jüngste Beispiel. De facto hat sich Orbán politisch längst in vielen Bereichen aus dem europäischen Konsens und von den europäischen Standards verabschiedet, sei es, was Rechtsstaatlichkeit betrifft, demokratische Werte, Bürgerrechte. Brüssels Unterstützung für Kiew sabotiert er seit Jahren, Russland ist ihm näher als Europa, Donald Trumps Amerika ohnehin. Nur das Geld aus Brüssel, das nimmt er gern, je mehr, desto besser.
Die Regeln der EU sind, wie sie sind. Es ist fast unmöglich, einen Regierungschef wie Orbán formell zu bestrafen, der ein Mitglied mit allen Rechten ist, aber auf alle Pflichten pfeift. Der einzige Hebel, den die anderen Europäer haben, sind die zig Millionen Euro, die Orbán braucht, um sein Regime am Leben zu erhalten. Und diesen Hebel sollten sie ohne allzu große Hemmungen nutzen – schon aus Eigeninteresse: Auf Dauer ist es keinem deutschen oder dänischen Steuerzahler, keiner niederländischen oder portugiesischen Steuerzahlerin zu erklären, warum seine und ihre hart verdienten Euros in der Puszta verschwinden.
Viktor Orbán ist korrupt, er ist skrupellos, aber er ist nicht dumm. Er weiß, dass weder Trump noch Moskau noch seine rechtspopulistischen, „patriotischen“ Freundinnen und Freunde im Rest Europas Lust haben, Ungarns Rechnungen zu bezahlen. Die EU ist für ihn wichtiger als er für die EU. Vielleicht sollten sich in Berlin, Paris und anderen genervten EU-Hauptstädten mal ein paar findige Regierungsjuristen in stille Kämmerchen zurückziehen und einen detaillierten Plan ausarbeiten, wie man Viktor Orbán die Diamanten wegnehmen kann.


