Flüchtlinge:Die Zurückgelassenen

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Die Toten von San Antonio und Melilla zeigen: Im Krisenmodus wächst die Gleichgültigkeit gegenüber jenen, die in ihren Heimatländern nicht bleiben können. Die westliche Migrationspolitik ist eine Katastrophe.

Kommentar von Meredith Haaf

Grausam ist die Vorstellung, was die 46 Menschen, die in der Nacht auf Dienstag in San Antonio, Texas, tot in einem Lastwagen gefunden wurden, durchlitten haben müssen. Woher sie kamen, weiß man noch nicht, nur, dass viele von ihnen sehr jung waren. Beklemmend ist auch die Vorstellung der Not, die diese Menschen dazu gebracht haben muss, diesen Laster zu besteigen, auf dem Weg in ein Land, wo nicht freundliche Einheimische, sondern Grenzschützer auf sie warteten, um sie abzuwehren oder einzusperren.

Hundert Millionen Menschen sind nach den neusten Erhebungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen derzeit entwurzelt. Allerdings sind die meisten dieser Menschen Binnenflüchtlinge, also Kärntner in der Steiermark. Und nur der geringste Anteil der internationalen Flüchtlinge kommt jemals in den reichsten Ländern an. In Deutschland etwa wurden vergangenes Jahr nicht einmal 200 000 Asylanträge gestellt. Umso bedrückender ist die Teilnahmslosigkeit, die sich in westlichen Ländern in Anbetracht dieser Tragödien breitzumachen scheint. Die 46 Toten sind ja nur eine Horrorzahl aus dem weltweiten Flüchtlingsdrama. Am Strand von Lesbos fanden diese Woche Touristen zwei ertrunkene Migranten; in Melilla starben am Wochenende 37 Menschen beim Versuch, nach Spanien zu gelangen.

Das liegt zum einen sicher an den eigenen Krisengefühlen. Es liegt aber auch an einem Mangel an Kontakt. Die westlichen Länder nehmen im weltweiten Vergleich nicht viele Flüchtlinge auf, doch ihre Grenzen sind über die vergangenen Jahrzehnte zu Todeszonen geworden. Wer sich für Geflüchtete einsetzt, wie deutsche Seenotretter, Helfer in der Wüste von Arizona oder in den Wäldern von Polen wird nicht selten von den eigenen Politikern diskreditiert oder kriminalisiert. Diese Politik der Unterlassung ist die ultimative Verantwortungslosigkeit: Stimmt schon, hier wird niemand getötet. Aber sterben gelassen, im Meer, in der Hitze, im Wald eben schon.

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