Klimaschutz:Deutschlands größte Baustelle

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Die Bundesregierung sucht den Weg für eine gerechte Verteilung der CO₂-Abgabe zwischen Mietern und Vermietern. Es ist ein winziger Baustein eines gigantischen Projekts: eines klimafreundlichen Gebäudebestands.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Kohlekraftwerke abschalten, dafür Tausende Windräder und Solarmodule bauen? Letztlich nur eine Frage der Zeit. Dem Verbrennungsmotor den Zündschlüssel ziehen, dafür Millionen E-Autos auf die Straße holen? Die Sache rollt. Stahlwerke umbauen, auf grünen Wasserstoff statt Koks? Technisch durchaus möglich. Deutschlands Häuser klimafreundlich umbauen? Das wird schwierig.

Unter allen Baustellen, die der Abschied von fossiler Energie für das Land so bereithält, ist keine so groß wie die in Haus und Hof. Denn bei den 19 Millionen Wohngebäuden geht es buchstäblich an die Substanz des Landes. 19 Millionen Mal müssen sich Eigentümer entscheiden, viel Geld zu investieren - sei es für den Austausch von Heizungen oder die Dämmung von Fassaden, Geschossdecken oder Fenstern. Gerade ältere Eigentümer überlegen sich gut, ob sich der Aufwand für ihr Eigenheim rentiert. Und Vermieter haben meist nichts als Kosten, wenn sie in die Sanierung investieren - den Nutzen daraus, in Form niedrigerer Nebenkosten, zögen die Mieter.

Einen kleinen Anreiz für Vermieter will die Bundesregierung nun schaffen: Die CO₂-Abgabe soll nicht mehr allein bei den Mietern anfallen. Je nachdem, wie viel Energie ein Gebäude verbraucht, sollen künftig auch die Vermieter mehr oder weniger an den Kosten beteiligt werden. Das schafft zumindest mehr Gerechtigkeit, denn wie gut ein Gebäude gedämmt und wie modern die Heizung ist, das liegt nicht in der Hand der Mieter - daran können nur Eigentümer etwas ändern. Doch für Deutschlands größte Klimabaustelle ist das kein Bagger, sondern allenfalls ein Spaten.

Die Kosten tragen immer noch vor allem die Mieter

Der Grund dafür: Die Koalition hat die Bemessungsstufen zu großzügig gesetzt, und dafür ist auch der CO₂-Preis zu niedrig. Ein Haus muss schon sehr miserabel gebaut sein, ehe auf den Vermieter nennenswerte Kosten zurollen. Selbst bei mäßig gedämmten Gebäuden tragen weiter die Mieter den größeren Teil der Last. Eine Sanierungsoffensive wird die Neuregelung jedenfalls nicht auslösen.

Genau die aber wird es brauchen. Jahr für Jahr wird hierzulande gerade mal ein Prozent der Häuser saniert - viel zu wenig, um das Land tatsächlich bis 2045 auf Klimaneutralität zu trimmen. Nicht nur müsste mehr, sondern auch gezielter saniert werden. So verbrauchen jene Gebäude die meiste Energie, die älter als 45 Jahre sind - errichtet in Zeiten, in denen es noch keine Energiestandards gab. Auf diese Gebäude sollte sich die Förderung konzentrieren, vor allem im Mietwohnungsbau. Hier könnte schnell vielen Haushalten geholfen werden - oft denen, die am wenigsten Geld haben. Viele Eigenheimbesitzer werden schon im Lichte der nächsten Gas- oder Ölrechnung neu kalkulieren, ob sich die Sanierung nicht vielleicht doch lohnt. Aber Sanierungen verlangen Handwerker - und hier bahnt sich der nächste große Engpass an: Auf Deutschlands größter Baustelle fehlen die Leute. Nötig wäre auch eine Qualifizierungsoffensive im Handwerk, die nicht nur für neues Personal sorgt, sondern auch für solches, das sich mit dem Einbau von elektrischen Wärmepumpen besser auskennt als mit dem von Gasheizungen; oder das den Einsatz erneuerbarer Energien gleich mitdenkt.

Denn - das ist die gute Nachricht - auch für Gebäude gibt es mittlerweile reichlich Optionen. Ob Dämmung, Wärmepumpe oder regenerative Nahwärme - Häuser in Deutschland lassen sich klimafreundlich umbauen. Es wird schwierig, aber es geht.

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