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Kirchen:Damit der Missbrauch endlich aufhört

Institutionen, die den eigenen institutionellen Missbrauch aufklären sollen? Die Aufklärung beim Thema sexualisierte Gewalt in den Kirchen ist an ihre Grenzen gekommen. Deshalb braucht es jetzt unabhängige Untersuchungskommissionen.

Von Annette Zoch

Man habe die Sorge, dem wichtigen Anliegen der Betroffenen in einer nur digital stattfindenden Tagung nicht gerecht zu werden. So hatte Irmgard Schwaetzer, Präses der EKD-Synode, es begründet, dass der Betroffenenbeirat zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche nicht zur Sitzung des obersten evangelischen Kirchenparlaments eingeladen wurde. Diese paternalistische Haltung ist typisch für Institutionen im Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt. "Wir werden von der Kirche so liebevoll geschützt, dass man uns gar nicht erst gefragt hat" - eine Betroffene, die als junges Mädchen von einem evangelischen Pfarrer missbraucht wurde, flüchtet sich in Sarkasmus.

Es war 2018, in der katholischen Kirche war die Missbrauchsaufarbeitung längst in vollem Gange, als der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber zwar für Aufklärung plädierte, aber auch sagte, die evangelische Kirche sei nicht so anfällig für Missbrauch, schließlich gebe es bei den Protestanten keinen Zölibat. Dass es so einfach nicht ist, das hat inzwischen auch die evangelische Kirche erkannt.

Es fehlen einheitliche Standards zur Aufklärung

Im Oktober 2020 meldeten die Landeskirchen 881 Fälle sexualisierter Gewalt im Bereich der evangelischen Kirche und der Diakonie seit etwa 1950. Sollte die evangelische Kirche anfangs vielleicht wirklich geglaubt haben, sich beim Thema sexualisierte Gewalt im katholischen Windschatten wegducken zu können, so muss sie sich jetzt eingestehen: Das funktioniert nicht.

Zehn Jahre nach Aufdeckung des Missbrauchsskandals ist eine wissenschaftliche Studie gerade erst in Auftrag gegeben. Einheitliche Standards zur Aufarbeitung, die die katholische Kirche mit dem Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung vereinbart hat, gibt es für die evangelische Kirche noch nicht. Ebenso wenig einheitliche Regeln zur Auszahlung von Anerkennungsleistungen. Im Gegenteil: Betroffene kritisieren, dass sie nach dem Entwurf für eine entsprechende Musterordnung institutionelles Versagen nachweisen sollen, bevor sie Geld erhalten. Ein unmögliches Unterfangen, sagen sie. Der erst im Sommer gegründete Betroffenenbeirat hat erst einmal sein Veto eingelegt.

Die katholische Kirche ist weiter, taugt aber auch nicht als Vorbild

Dass die katholische Kirche bei allem Erreichten dennoch nicht als Vorzeigemodell taugt, zeigen die Vorfälle im Erzbistum Köln: Ein Gutachten zur Verstrickung Verantwortlicher wurde - nachdem erste Details bekannt geworden waren, die hohe Würdenträger belasten - von Kardinal Rainer Maria Woelki einkassiert. Und, schlimmer noch, der Betroffenenbeirat wurde für die Entscheidung des Erzbistums auch noch in Mithaftung genommen, ohne das Gutachten selbst zu kennen. Eine unerträgliche Konstellation. So setzt sich der Missbrauch fort, nur in anderer Form. Einer der beiden Sprecher des Kölner Betroffenenbeirats ist inzwischen zurückgetreten.

Die Konflikte in Köln und das Schneckentempo der EKD belegen: Der Versuch, institutionellen Missbrauch durch die Institutionen selbst aufklären zu lassen, ist an seine Grenzen gelangt. Was es stattdessen braucht, sind im Wortsinne unabhängige Aufklärungskommissionen. Kommissionen, die mit externen Experten besetzt und vom Staat mandatiert sind. Betroffene sollten beraten, aber nicht selbst Aufklärung betreiben. Auch Sportvereine, Jugendverbände und pädagogische Institutionen müssen mitmachen. Um es mit den Worten von Matthias Katsch, einem ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs, zu sagen: "Damit es aufhört."

© SZ/cat
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