bedeckt München

Katholische Kirche:Das Elend zehn vertaner Jahre

So mischt sich Ikone mit Streetart: Ein Madonnenbild neben einem Graffito.

(Foto: imago stock)

Die katholische Kirche wird noch lange durch ein tiefes Tal gehen und sich selbst sehr schmerzhafte Fragen stellen müssen. Denn nichts ist mühsamer wieder aufzubauen als zerstörtes Vertrauen.

Kommentar von Matthias Drobinski

Es ist schon ein ziemliches Elend für Deutschlands katholische Bischöfe, für die meisten von ihnen jedenfalls. Sie wählen die erste Generalsekretärin der Bischofskonferenz, eine Frau, die sich für benachteiligte Frauen und Mädchen einsetzt. Sie reden mit Vertreterinnen und Vertretern des Kirchenvolks über Macht und Machtmissbrauch in der Kirche, über den Zölibat und Weiheämter für Frauen, über Sexualmoral.

Zahlreiche Bistümer lassen untersuchen, wo die Kirchenleitungen im Umgang mit Fällen von sexualisierter Gewalt gefehlt haben. Die Katholiken sind da weiter als die evangelischen Glaubensgeschwister - und sehr viel weiter als zum Beispiel der Leistungssport.

Und doch schlägt ihnen nichts als Hohn und Spott entgegen. Eine Frau? Donnerwetter, das 19. Jahrhundert ist vorbei! Der Synodale Weg? Bringt doch sowieso nichts! Die Missbrauchsuntersuchungen? Gibt es da nicht einen in Köln, der das alles konterkariert? Man muss zur Zeit einfach nur "Woelki" in den Raum rufen, um zuverlässig den Sturm der Entrüstung heraufzubeschwören, unter treuen Kirchenmitgliedern ebenso wie bei denen, die sich in die lange Schlange der zum Austritt Entschlossenen gestellt haben.

Es ist das Elend zehn vertaner Jahre, in das die Bischöfe da gestoßen sind. Spätestens 2010, als der Missbrauchsskandal in seiner ganzen Wucht offenbar wurde, hätten sie handeln müssen, wie sie jetzt zumindest teilweise handeln.

Sie hätten aufklären müssen, ohne sich und ihre Vorgänger zu schonen, hätten die Betroffenen entschädigen und sich die schmerzhafte Frage stellen müssen: Was hat die Gewalt mit unserem Selbstverständnis zu tun? Mit unserem Bild von der heiligreinen Kirche, mit unserer Vorstellung vom ewig keuschen Priester, dem Anspruch der allgemeinen Sexualitätskontrolle, dem Bild der schweigend dienenden Frau? Es wäre die Gelegenheit gewesen, dass die Kirche sich ändert, dass sie sich nicht mehr als Anstalt zur Verwaltung und Zuteilung des Heils sieht, sondern als Gemeinschaft von Menschen auf der Suche nach dem Heil.

Es werden Bischöfe zurücktreten müssen

Sie haben damals die Gelegenheit verpasst, die Bischöfe. Sie haben sie allerdings nicht aus Zufall verpasst. Es ist kein tragisches Schicksal, das sich hier offenbart, sondern die Beharrungskraft eines mächtigen und lang gewachsenen autoritären Systems, das den befreienden Glauben verdunkelt, den einst dieser Jesus verkündete.

Es ist auch jetzt noch lange nicht überwunden. Die katholische Kirche wird noch lange durch ein tiefes Tal gehen müssen, nichts ist mühsamer wieder aufzubauen als zerstörtes Vertrauen. Es werden Bischöfe zurücktreten müssen, es wird Untersuchungen mit bitteren Ergebnissen brauchen, und die Schlangen der Austrittswilligen werden trotzdem erst einmal nicht kürzer werden. Es wird bitter werden für viele Gläubige, die in ihren Gemeinden menschendienlich wirken, die das Misstrauen und die Häme ungerechterweise trifft. Aber was wäre die Alternative? Die Panzerung, der Rückzug auf von Rechtsanwälten scharf verteidigte Linien? Es wäre die Verteidigung der Heilsanstalt, bis durch deren Ruine der kalte Wind weht.

© SZ/fzg
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema