Katholische Kirche:Verbrechen relativieren, Liebe sanktionieren

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Katholische Kirche: Dem emeritierten Pabst Benedikt XVI. werden im Münchner Missbrauchsgutachten Verfehlungen vorgeworfen.

Dem emeritierten Pabst Benedikt XVI. werden im Münchner Missbrauchsgutachten Verfehlungen vorgeworfen.

(Foto: VINCENZO PINTO/AFP)

Missbrauchstäter werden geschützt, homosexuelle Paare rausgeschmissen. Dem hohen Klerus ist sein Wertesystem abhandengekommen - und es geht immer noch schlimmer.

Kommentar von Annette Zoch

Es geht immer noch schlimmer. Nun hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. sich zu Wort gemeldet und einen zentralen Punkt seiner Aussage im Münchner Missbrauchsgutachten revidiert. Anders als zunächst behauptet, räumt Benedikt XVI. nun ein, an der entscheidenden Ordinariatssitzung Mitte Januar 1980, in der es um die Aufnahme des pädophilen Priesters Peter H. ins Erzbistum München und Freising ging, dabei gewesen zu sein. Dreimal hatte Benedikt in seiner Stellungnahme an die Gutachter angegeben, nicht in der Sitzung gewesen zu sein. Und auf sein exzellentes Langzeitgedächtnis hingewiesen.

Nun ließ er mitteilen, bei der Bearbeitung seiner Stellungnahme sei ein redaktioneller Fehler passiert, das tue ihm leid. Der redaktionelle Fehler tut ihm also leid. Nicht aber die Tatsache, dass in seiner Verantwortung ein auffälliger Priester aufgenommen wurde, der dann viele weitere Kinder und Jugendliche missbrauchen konnte. Nein, dafür entschuldigt sich Benedikt XVI. nicht.

Fehler, Versehen, Verfehlung - mit solch euphemistischen Begriffen hantieren Kirchen-Verantwortliche, wenn es um Missbrauchstäter und den Umgang mit diesen geht. Dies ist umso bitterer, bedenkt man, mit welcher Härte der hohe Klerus andererseits Menschen verfolgt, die gegen kirchliche Lehre verstoßen. Zum Beispiel homosexuelle Mitarbeiter der Kirche, die ihre Identität nicht auf ewig verheimlichen und verstecken, sondern ausleben wollen - in verantwortungsvollen, langfristigen Partnerschaften. Lesbische Erzieherinnen oder schwule Pastoralreferenten riskieren bis heute ihren Job, wenn sie sich offen zu ihren Partnerinnen und Partnern bekennen, sie vielleicht gar heiraten wollen. Umso mutiger ist es, dass viele von ihnen jetzt offen zu ihrer Identität stehen und im Schutz der vielen auch Druck ausüben auf die Bischöfe, auf Rom.

Verbrechen werden relativiert, Liebe wird sanktioniert? Das muss endlich aufhören.

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