Afghanistan:Der Westen ist auf Katar angewiesen

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Bundesaussenminister Heiko Maas, SPD, trifft Scheich Mohammed bin Abdulrahman bin Jassim Al-Thani, Aussenminister des St

Da musste er hin: Außenminister Heiko Maas am Dienstag in Doha, mit seinem Amtskollegen Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani.

(Foto: Felix Zahn/photothek.net via www.imago-images.de/Imago Images/Photothek)

Das Emirat hat auch in Deutschland nicht das beste Image. Aber ohne seine Diplomaten wäre beim Evakuierungseinsatz in Afghanistan wenig möglich gewesen.

Kommentar von Paul-Anton Krüger

Kein Zufall ist es, dass Außenminister Heiko Maas zum Ende seiner Rund-um-Afghanistan-Reise in Katar Station gemacht hat. Das Golfemirat ist zwar kein Nachbar, aber wohl dennoch das wichtigste Land im Umgang mit den Taliban. Katar beherbergt seit 2013 ein politisches Büro der islamistischen Extremisten, die teils mit Sanktionen belegt und als Terroristen eingestuft sind. Die Vertretung sollte dem Westen dessen ungeachtet Zugang zu ihnen ermöglichen.

Zwar hatte Maas vor kaum drei Wochen forsch verkündet, wenn die Taliban uneingeschränkt die Herrschaft übernähmen und die Scharia einführten, werde Deutschland keinen Cent mehr nach Afghanistan geben. Inzwischen aber erzwingt die Realität Demut: An Gesprächen mit den Taliban führe "überhaupt kein Weg vorbei", sagte Maas in Doha, der Hauptstadt von Katar, - und an humanitärer Hilfe für Afghanistan wohl auch nicht. Wer aber nicht mehr in Kabul präsent ist, dem bleibt nur Doha. Dort hält sich weiter ein Teil der politischen Führung auf.

Katar hat beim internationalen Evakuierungseinsatz eine bedeutende Rolle gespielt: Die Flüge hätte es nicht in dem Ausmaß gegeben, hätten die USA nicht den Luftwaffenstützpunkt dort als Drehkreuz nutzen können. Und während sich die Deutschen in Kabul nur noch mit Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte aus dem Flughafen heraus trauten, eskortierten katarische Diplomaten, bis hinauf zum Botschafter, unter Einsatz ihres Lebens Deutsche sowie mit Deutschland verbundene Schutzbedürftige durch Taliban-Checkpoints dorthin - wofür Kanzlerin Angela Merkel dem Emirat zu Recht dankte.

Eine sehr oberflächliche Kritik aus der deutschen Opposition

Ein paar übereifrige Außenpolitiker aus der Opposition - auch die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock - dagegen hielt all das nicht davon ab, die Fußball-WM 2022 in dem Land infrage zu stellen. Unter anderem hatte Katars Luftwaffe den politischen Anführer der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, zurück nach Kandahar geflogen. Derlei wurde als Unterstützung Katars für die Fundamentalisten und quasi als Beihilfe für befürchtete Menschenrechtsverletzungen skandalisiert - was absurd ist und noch einmal ein trauriges Schlaglicht auf das Niveau der deutschen Afghanistan-Debatte wirft.

Was hätten die Katarer tun sollen? Baradar, der auf Drängen der USA von Pakistan freigelassen und nach Doha gebracht worden war, unter Hausarrest setzen? Des Landes verweisen? Die Rückkehr der politischen Führung war Gegenstand der Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA zu einer Zeit, als letztere den Luftraum über Afghanistan kontrollierten - und sicher nicht selber Taxi spielen wollten. Von der Rückkehr dieser Führung versprachen sich westliche Diplomaten nicht nur Ansprechpartner in Kabul, sondern auch, dass diese disziplinierend auf Feldkommandeure und Kämpfer einwirken.

Katar hat in Syrien wenig Scheu gezeigt, sich mit Extremisten einzulassen, und es unterstützt islamistische Bewegungen. Das kann man kritisieren, ebenso die Arbeitsbedingungen für Migranten (die sich jedoch inzwischen deutlich verbessert haben). Was aber die Taliban betrifft, hat sich Doha immer eng abgestimmt mit den USA, und auch mit der Bundesregierung. Die Dienste des Emirats dienten zweifellos dessen eigenen Interessen; indes hat dies über Jahre hinweg niemanden davon abgehalten, sie zu nutzen. Seit der Machtübernahme der Taliban ist der Westen darauf mehr angewiesen denn je.

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