Kasachstan:Halbwertzeit ungewiss

Lesezeit: 1 min

Präsident Tokajew hat sich im Machtkampf gegen die Nasarbajew-Clique offenbar durchgesetzt. Aber für wie lange?

Von Silke Bigalke, München

Offenkundig war es der Wunsch nach Wandel, der die Menschen in Kasachstan zum Protest getrieben hat. Tatsächlich hat sich nun etwas Grundlegendes verändert in dem zentralasiatischen Land - allerdings nicht im Sinne der Protestbewegung. Zwar scheint der alte Machthaber Nursultan Nasarbajew endgültig entthront zu sein. Mit den Wünschen der Menschen hat das allerdings wenig zu tun.

Vielmehr wurde ihr Protest offenbar geschickt instrumentalisiert - mächtige Männer nutzten das Chaos im Land, um eigene Kämpfe hinter den Kulissen auszutragen. Der vorläufige Sieger, Präsident Kassym-Schomart Tokajew, hat dabei gleich mehrere Linien überschritten. Er ließ auf unbewaffnete Demonstranten schießen und nahm mehr Tote in Kauf, als jemals bei einem Protest unter Nasarbajew gezählt wurden - soweit derartige Vergleiche verifizierbar sind. Für seinen Befreiungsschlag hat Tokajew einen blutigen Preis bezahlt. Er lud russische Soldaten ins Land ein, um seine innenpolitische Krise zu lösen. Um sich selbst mehr Spielraum zu verschaffen, riskierte er eine größere Abhängigkeit seines Landes von Moskau. Ob er am Ende also wirklich siegreich bleiben wird, ist heute nicht entschieden.

Hier ist ein System zusammengebrochen, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Der alternde Machthaber Nasarbajew hatte versucht, Stellung und Vermögen seiner Familie zu sichern, indem er Regierung und Geheimdienst mit seinen Getreuen besetzt. Sein politischer Ziehsohn Tokajew und er herrschten in einer Art Doppelspitze. Wie die Macht unter ihnen verteilt war, blieb auf lähmende Weise ungeklärt. Nun scheint zumindest dieses Kapitel abgeschlossen - allerdings ist damit noch nicht entschieden, ob sich Tokajew gegen Nasarbajews gesamte Clique auf Dauer behaupten kann. Dem Volk gegenüber wird er zeigen müssen, ob er die neue Macht für Reformen oder für Repressionen nutzt. Der Anfang stimmt wenig optimistisch.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema