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Katholische Kirche:Kein Stein auf dem anderen

Erste Versammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt

Kardinal Reinhard Marx in einer Nahaufnahme

(Foto: dpa)

Nach dem Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx wächst der Druck auf die Kirche und ihre Bischöfe, sich grundlegend zu ändern. Dafür ist jetzt höchste Zeit.

Kommentar von Annette Zoch

"Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden." Kardinal Reinhard Marx zitierte am Freitag dieses Wort Jesu aus dem Matthäus-Evangelium. Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass er Papst Franziskus seinen Amtsverzicht als Erzbischof von München und Freising angeboten hat.

Ja, was ist am Ende eigentlich ein Bischofsstab wert, was eine repräsentative erzbischöfliche Residenz, fürstliches Auskommen, Ansehen und Macht und Dienstwagen? Was ist denn die ureigentliche Aufgabe eines Bischofs? Wenn ihr Ansehen "in der kirchlichen und in der säkularen Wahrnehmung gesunken, ja möglicherweise an einem Tiefpunkt angekommen ist", wie Marx in seinem Brief an Franziskus schreibt? Wenn sie nicht mehr in erster Linie als Hirten wahrgenommen werden, die das Wort Jesu in der Welt verkünden? Sondern nur noch als sich krampfhaft an die Macht klammernde Männer, verschanzt hinter den Mauern ihrer Kirchen und Köpfe?

Dass ein Kardinal Jesus Christus so wörtlich nimmt - das löst in Deutschland und der Welt nun großes Aufsehen aus. Und es sagt eigentlich auch schon viel aus über die katholische Kirche und ihre Bischöfe. Für sein großes, mehr als berechtigtes Mea culpa erntet Marx von manchen Jubelstürme. Er bekennt persönliche Schuld, bevor sie ihm unter Umständen gutachterlich nachgewiesen wird. Dieser Schritt allein macht aus Marx noch keinen Heiligen. Seine Entscheidung nötigt trotzdem Respekt ab. Bereits mit seiner Spende von 500 000 Euro, dem größten Teil seines Privatvermögens, für eine Stiftung für Betroffene von sexuellem Missbrauch, hat Marx innere Freiheit bewiesen.

Viele wollen den von Marx benannten toten Punkt immer noch nicht wahrhaben

Marx' Schritt weist über die Grenzen Deutschlands hinaus, genauso wie auch die von ihm benannten Probleme weit über Deutschland hinausweisen. Der Missbrauchsskandal ist kein deutsches Phänomen, die unkontrollierte Macht, das Priesterbild, die Glaubwürdigkeitskrise. Viele aber wollen den von Marx benannten toten Punkt immer noch nicht wahrhaben. Nicht in Deutschland, nicht in Polen, nicht in den USA, nicht im Vatikan. Es wird immer noch weggeschaut. Es wird immer noch das Ansehen der Institution über die Betroffenen gestellt. Das alles hat Marx deutlich benannt.

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sagt, nun könne in der Kirche kein Stein auf dem anderen bleiben. Aber was heißt das? Erstens sollten weitere Bischöfe dem Beispiel von Marx folgen. Viel wichtiger aber ist zweitens, dass sich das System ändert. Der Bischofskonferenz-Vorsitzende Georg Bätzing fordert deutlicher denn je, dass es fundamentale systemische Reformen brauche, nicht mehr nur Schönheitsreparaturen. Der Schlüssel liegt in der Organisation von Macht: Es brauche "Kontrolle auf jeder Ebene von Machtausübung in der katholischen Kirche", sagt Bätzing. Auch die priesterliche Macht gelte es "einzuhegen und zu kontrollieren".

Von seinen Posten im Vatikan ist Marx übrigens nicht zurückgetreten, er wirkt alles andere als resigniert. Er will kämpfen für seine Kirche. Er sei überzeugt, dass die Gesellschaft das christliche Evangelium brauche, sagt er. Sein Entschluss sei in der Osterzeit gereift, das betont er mehrmals. Das Wort Jesu aus dem Matthäus-Evangelium kann man auch für die gesamte Kirche lesen: Wenn die Kirche nicht bereit ist, Macht abzugeben, sich völlig zu erniedrigen, so wie ihr Gründer am Kreuz, dann wird es für sie kein Ostern, keine Auferstehung geben.

© SZ/khil
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