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Italien:Deal in der Dunkelheit

capture of Giovanni Brusca, mafioso and Italian justice collaborator, 20 May 1996 972_05_W725019

Das war 1996, bei seiner Festnahme: Giovanni Brusca, 150-facher Mörder.

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/UIG)

Die Mafia, der Staat und "das Schwein": Warum die Kronzeugenregelung in Italien ebenso empörend wie unverzichtbar ist.

Von Oliver Meiler

Ein Dilemma zerreißt Italien. Es ist nicht neu, aber so virulent wie selten zuvor. Vor einigen Tagen ist Giovanni Brusca, der niederträchtigste und wohl berüchtigtste Killer der sizilianischen Mafia, nach 25 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. Brusca hat 150 Morde gestanden. Er war es, der 1992 den Knopf drückte und Richter Giovanni Falcone in die Luft sprengte. Er war es auch, der Giuseppe Di Matteo, den Sohn eines Kronzeugen, entführen, erwürgen und in Säure auflösen ließ. Giuseppe war 14, als er starb.

25 Jahre Haft für 150 Morde, also zwei Monate pro Mord? Das ist, so gerechnet, natürlich ein unerträglicher Hohn für die Opfer, die Angehörigen und für Italien als emotionales Ganzes. Brusca ist erst 64 Jahre alt, da bleibt ihm womöglich fast ein Drittel des Lebens.

Doch gesetzlich ist alles rechtens. Brusca hat als Kronzeuge mit der Justiz gearbeitet und profitierte deshalb von einem massiven Strafrabatt. Schon während der Haft gab es immer wieder Privilegien, weil er sich gut aufführte: Freigang, einige Tage Ferien unter Aufsicht, längere Besuchszeiten. Ob Brusca seine vielen Taten auch bereut, wie es der Begriff "pentito", Reumütiger, eigentlich suggeriert, ist dabei zweitrangig.

"Die Mauern einreißen und die geheimsten Ecken ausleuchten"

Es stellte sich nämlich heraus, dass Giovanni Brusca, den sie auf Sizilien 'u verru nennen, das Schwein also, eine verlässliche und ergiebige Quelle war. Dank Bruscas Insiderinformationen gelang es dem italienischen Staat, die Cosa Nostra zu schwächen, große und kleine Mafiosi zu verhaften, Geld und Güter zu beschlagnahmen. Wahrscheinlich konnte so auch viel zusätzliches Leid verhindert werden, viel Tod und viele zerstörte Existenzen. Eine klassische Kosten-Nutzen-Rechnung - mit zynischer Note. Aber wahrscheinlich alternativlos. Die frühe Freilassung von Leuten wie Brusca ist der Preis, den Italien dafür bezahlt, dass es ohne die Hilfe von Kronzeugen machtlos wäre gegen die Unterwelt.

Gian Carlo Caselli, der frühere Oberstaatsanwalt von Palermo, sagt es so: "Die Mafia ist eine Festung. Ohne Kronzeugen schaffen wir es nicht, sie einzunehmen. Wenn wir Glück haben, könnten wir etwas an der Fassade kratzen. Mit der Hilfe der 'pentiti' hingegen können wir die Mauern einreißen und die geheimsten Ecken ausleuchten." Es lassen sich damit Codes entziffern, Hierarchien und Operationsmethoden verstehen.

Man muss den Mafiajägern unbedingt zuhören, das Gesetz zur Kronzeugenregelung gibt es seit dreißig Jahren. Pietro Grasso, auch er lange als Untersuchungsrichter in Palermo tätig und dann Präsident des italienischen Senats, sagt über Brusca: "Der Staat hat in seinem Fall gleich drei Mal gewonnen. Er gewann, als er ihn festnahm, weil Brusca einer der größten Kriminellen in unserer Geschichte war und bleibt. Er gewann, als er ihn dazu brachte, mit der Justiz zu arbeiten. Und er gewinnt jetzt wieder, da er ihn nach 25 Jahren freilässt - weil der Staat damit ein Signal an die Mafiosi sendet."

Sie sind Lotsen - in eine Welt voller Abgründe

Die Botschaft lautet: Singt! Wir halten uns schon an unseren Deal. Gerade hat zum ersten Mal überhaupt ein Großboss der mysteriösen und besonders mächtigen kalabrischen 'Ndrangheta begonnen, mit der Justiz zu arbeiten. Nicolino Grande Aracri, so heißt der Mann, könnte den Ermittlern über Nacht eine ganze Welt mit allen ihren Abgründen öffnen.

Kronzeugen der Mafia kommen nach ihrer Freilassung in ein Schutzprogramm. Zu fürchten haben sie dann vor allem ihre früheren Waffenbrüder - als Verräter an der dunklen Sache.

© SZ
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