Italien:Ein Flop, wie schön

Impfgegner wollten gegen den "Green Pass" vorgehen und das Land lahmlegen. Nur, es kam niemand.

Von Oliver Meiler

In Italien zitieren sie gerade allenthalben Shakespeare: "Viel Lärm um nichts". Zu berichten ist von einem spektakulären und beruhigenden Flop. Das kleine, aber sehr laute Volk von Impfgegnern, der sogenannten No Vax, wollte 54 Bahnhöfe blockieren, um so gegen die zum 1. September ausgeweitete Pflicht des "Green Pass" im überregionalen öffentlichen Verkehr zu protestieren. Mobilisiert hatten sie in einer Chatgruppe auf dem Nachrichtendienst Telegram mit dem Namen: "Basta dittatura!" Mitglieder: 40 000. Wenn wir nicht reisen dürfen, hieß die Parole, dann soll niemand reisen. Im Innenministerium war man besorgt, in jüngster Vergangenheit hatte es Prügelattacken und Todesdrohungen gegen Journalisten, Minister und Virologen gegeben. Das Polizeiaufgebot war groß. Nun, zum Termin erschien dann fast niemand, buchstäblich.

Ist das Phänomen am Ende ein virtuelles? Aufgeblasen von "Löwen der Tastatur", wie die Italiener Krawallanten im Netz nennen? Tatsächlich ist der "Green Pass" populär bei einer überwältigenden Mehrheit. Man reist leichtherziger, wenn man weiß, dass an Bord von Zügen, Fähren, Flugzeugen und Langstreckenbussen nur noch Passagiere sitzen, die sich als geimpft, genesen oder als frisch getestet ausweisen konnten. Schon seit einem Monat gilt die Pflicht in Restaurants, Kinos, Fitnesszentren und Stadien. Sobald die Schulen wieder öffnen, gilt sie auch fürs Schulpersonal, bald vielleicht auch für die Beamten. Premier Mario Draghi jedenfalls dringt darauf. Quer stellen sich nur die Rechtspopulisten und -extremisten, und auch sie nur ein bisschen.

Sehr zahlreich können die "No Vax" nämlich nicht sein. 70 Prozent der Italiener sind bereits doppelt geimpft, bald werden es 80 Prozent sein. Gut möglich, dass die Einführung des "Green Pass" einige Millionen Zögerer zum rascheren Impfen bewogen hat. Das ist keine Impfpflicht durch die Hintertür, sondern nur eine nachdrückliche Einladung in eine neue, immer noch sehr relative Normalität.

© SZ
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