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Nahost:Kampfzone Jerusalem

Am Dienstag feuerte die Hamas von Gaza aus Raketen Richtung Israel.

(Foto: MAHMUD HAMS/AFP)

Die militante Hamas strebt nach einer Führungsrolle unter den Palästinensern und fordert mit ihrem Raketenbeschuss Israel heraus. Es droht ein neuer Krieg.

Kommentar von Peter Münch, Tel Aviv

Es ist der ganz große Auftritt, mit Pauken und Raketen: Erst hat die Hamas der israelischen Regierung ein Ultimatum gestellt zum Rückzug vom Tempelberg, dann hat sie aus allen Rohren gefeuert. Sogar gen Jerusalem hat sie ihre Raketen gerichtet, und begleitet wird der Gefechtsdonner von wüsten Drohungen und voreiligen Siegesgesängen. Dies alles sind Signale der Stärke, die nur einen Schluss zulassen: Die Hamas will nicht nur Israel herausfordern. Sie will mit diesem Kampf zur unumstrittenen Führungsmacht unter den Palästinensern werden. Das macht die jüngste Runde der Gewalt so gefährlich.

Mehr als zwei Millionen Einwohner leben eingesperrt in größter Not

Seit 2007 herrschen die Islamisten im Gazastreifen, während die Rivalen von der Fatah im Westjordanland regieren. Der dortige Präsident Mahmud Abbas dient aller Welt als Ansprechpartner, die Hamas dagegen ist isoliert und wird in der palästinensischen Exklave am Mittelmeer nicht nur von Israel, sondern auch von Ägypten mit einer Blockade belegt. Mehr als zwei Millionen Einwohner leben eingesperrt in größter Not, und die Pandemie hat die Lage noch verschärft.

Eine Antwort auf das Leiden ihrer Untertanen im Gazastreifen hat die Hamas nicht. Aber nun sieht sie die Chance zu einem Befreiungsschlag: Abbas ist geschwächt, seitdem er vor knapp zwei Wochen die versprochenen Parlaments- und Präsidentenwahlen aus Angst vor einer Niederlage abgesagt hat. Und auch Israel schlingert wegen der laufenden, höchst komplizierten Regierungsbildung durch eine Phase der Unklarheit und Unsicherheit.

Die Unruhen, die sich im Laufe des Fastenmonats Ramadan in Jerusalem entwickelt haben, bieten der Hamas jetzt den Anlass, sich wieder auf ihre Kernkompetenz zu besinnen: den Kampf. Und diesmal geht es nicht wie in den drei zuvor schon gegen Israel geführten Kriegen um ein Ende der Blockade. Diesmal wird der Bogen weiter gespannt bis nach Jerusalem.

Dort haben die Israelis der Hamas in den vergangenen Wochen reichlich Vorlagen geliefert: mit der Drohung, arabische Bewohner zugunsten von Siedlern aus ihren Häusern im Viertel Scheich Dscharrah zu vertreiben, mit der provokanten zeitweiligen Sperrung des Platzes vor dem Damaskustor und mit der Erstürmung des Tempelbergs durch die Polizei.

So kann sich die Hamas nun zur Schutzmacht Jerusalems und Verteidigerin der Al-Aksa-Moschee aufschwingen und dabei auf breite Unterstützung hoffen. In Ostjerusalem wurde vor dem Damaskustor bereits der Raketenbeschuss bejubelt. Im Westjordanland ruft die Hamas zu einer neuen Intifada auf. Und auch Teile der arabischen Minderheit in Israel gehen auf die Straße. Von Lod über Haifa bis nach Umm al-Fahm gibt es nun Unruhen.

Mit diesem Auftakt der Kampagne kann die Hamas also durchaus zufrieden sein. Doch nun kommt das Problem: Die Gaza-Herrscher setzen zur Profilierung auf einen kurzen und heftigen Schlagabtausch mit Israel. Doch es ist völlig ungewiss, ob Israel diesem Kalkül folgt.

Die Antwort der israelischen Armee auf die Raketenangriffe aus Gaza waren sogleich heftig und schmerzhaft. Doch nun steht Israels Regierung vor der Entscheidung, ob sie es dabei belassen will, in dieser neuen Runde des alten Konflikts allein ihre Überlegenheit zu demonstrieren und die Abschreckungsmacht wiederherzustellen - oder ob sie der so demonstrativ auftrumpfenden Hamas einen entscheidenden Schlag versetzen will. Dies würde einen Krieg bedeuten, der so schnell nicht zu Ende geht.

© SZ/kia/cat
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