Deutsch-israelische Beziehungen:Unsere beste Freundin

Deutsch-israelische Beziehungen: In der Halle der Erinnerung: Angela Merkel in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, am 10. Oktober 2021.

In der Halle der Erinnerung: Angela Merkel in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem, am 10. Oktober 2021.

(Foto: GIL COHEN-MAGEN/AFP)

Bei allen Differenzen über Iran und die Palästinenser: Israel weiß, was es 16 Jahre lang an Angela Merkel hatte. Andere deutsche Kanzler wurden höchstens geschätzt - sie wird geliebt.

Von Peter Münch

Wer als Deutscher in Israel lebt, wird stets mit einer beklemmenden Vergangenheit konfrontiert - und immer wieder auch mit einer überraschenden, erleichternden Gegenwart. "Berlin ist toll", sagen die jungen Israelis über die alte Hauptstadt des Bösen und verweisen auf die besten Partys rund ums Berghain. "Merkel ist unsere beste Freundin in Europa", bekennen all jene, die sich jenseits der Partys mit der Politik beschäftigen.

Welch hohes Ansehen "HaKanzlerit", die Kanzlerin, in Israel genießt, war nun noch einmal bei ihrem Abschiedsbesuch in Jerusalem zu beobachten, wo sie sich kaum retten konnte vor all dem Lob. Andere deutsche Regierungschefs wurden bestenfalls geschätzt in Israel. Merkel aber wird tatsächlich geliebt. Und dafür gibt es mehr als nur einen Grund.

Erstens ist bei der nicht gerade für ihre Emotionalität bekannten Kanzlerin zu spüren, dass das Thema Israel für sie eine wirkliche Herzensangelegenheit ist. Die deutsche Verantwortung angesichts des Holocaust ist eine Leitlinie ihrer Politik. Sie hat den jüdischen Staat umfassend zu verstehen versucht - die geopolitischen Bedingungen ebenso wie die psychologischen, also die allem zugrunde liegende Angst vor einem erneuten Versuch der Vernichtung. Geäußert hat sich das im viel zitierten Bekenntnis zu Israels Sicherheit als Teil der deutschen Staatsräson ebenso wie im Kampf gegen den Antisemitismus.

Zurückhaltend mit Kritik

Zweitens hat Merkel aus Sicht der Israelis nicht nur geredet, sondern auch geliefert: deutsche U-Boote zum Beispiel und Fregatten zum Schutz der Gasfelder im Mittelmeer. In der Europäischen Union ebenso wie bei den Vereinten Nationen, wo Israel wegen seiner Besatzungs- und Besiedlungspolitik häufiger am Pranger steht, hält Deutschland sich mit Kritik stets sehr zurück. Und überdies haben sich in der Ära Merkel neben den politischen auch die geschäftlichen Beziehungen einträglich entwickelt, was gewiss auch befördert wurde durch Merkels Begeisterung für das moderne Israel, den Forschungsstandort, die Start-up-Nation.

Der dritte Grund für Merkels Beliebtheit in Israel ist eine Persönlichkeits- und Stilfrage. Unaufgeregt, sachlich, lösungsorientiert - mit all diesen Eigenschaften gilt die Kanzlerin als wohltuender Gegenentwurf zum heimischen Politikbetrieb, in dem Machismo und Populismus dominieren. Der Rest der Welt mag Merkels Qualitäten erst in den Amtsjahren des Wüterichs Donald Trump als US-Präsident schätzen gelernt haben. In Israel waren sie lange vorher schon erkannt worden im Vergleich zum Langzeit-Premier Benjamin Netanjahu.

So hat Merkel in 16 Amtsjahren das deutsch-israelische Verhältnis auf eine neue Ebene gehoben. Geblieben sind dabei allerdings die alten Themen, die immer wieder für Unstimmigkeiten sorgen: der Umgang mit Iran und mit den Palästinensern. Anders als die deutsche Regierung hält Israel ein Atomabkommen mit Teheran für einen großen Fehler. Anders als die israelische Regierung setzt Deutschland im Konflikt mit den Palästinensern weiterhin auf eine Zwei-Staaten-Lösung.

Im Verhältnis mit dem stets schwierigen Partner Netanjahu hatte Merkel die Formel gefunden, "wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind". Für die Zeit nach Netanjahu und nach Merkel ergibt sich daraus die Chance zu einer Beziehung, in der Meinungsunterschiede offen angesprochen werden. Der deutsch-israelischen Freundschaft sollte das nur förderlich sein.

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