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Internationale Beziehungen:Vor der Seuche sind alle gleich

Impfzentrum in Malawi: Während die Menschen in der sogenannten Ersten Welt wieder Urlaube planen, ist in ärmeren Staaten oft nicht einmal das medizinische Personal geimpft.

(Foto: Thoko Chikondi/AP)

US-Präsident Biden plant, die ärmeren Staaten mit Impfstoff zu versorgen. Das ist ein dringend überfälliger Akt globaler Gerechtigkeit.

Kommentar von Georg Mascolo

"Das Volk murrte bitter, als es sah, wie die Reichen flohen und bepackt mit Ärzten und Apotheken sich nach gesündern Gegenden retteten. Mit Unmut sah der Arme, daß das Geld auch ein Schutzmittel gegen den Tod geworden. Der größte Teil des Justemilieu und der Haute Finance ist seitdem ebenfalls davongegangen und lebt auf seinen Schlössern." Diese Zeilen schrieb Heinrich Heine 1832 in der Allgemeinen Zeitung aus Augsburg, seine Schilderung des Ausbruchs der Cholera in Paris gehört bis heute zu den beklemmendsten Lektüren über die Auswirkungen einer todbringenden Seuche, auch auf die Gesellschaft.

Während der Corona-Krise schien es sehr, sehr lange so, als ob sich an Heinrich Heines Beobachtungen bestürzend wenig geändert habe. Die in Rekordzeit entwickelten Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 standen zunächst beinahe ausschließlich in den reichen Staaten der Welt zur Verfügung. Während dort inzwischen darüber nachgedacht wird, wann man die Maske ablegen und ins Restaurant gehen und wo der Sommerurlaub stattfinden soll, warten die meisten Menschen in ärmeren Ländern noch immer darauf, dass wenigstens ihre Ärztinnen und Krankenpfleger geimpft werden.

Man durfte zwar nicht erwarten, dass es bei der Verteilung der zunächst so knappen Impfstoffe völlig gerecht zugehen würde. Aber das Ausmaß des Egoismus im wohlhabenden Teil der Welt ist doch erschreckend. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier formulierte es gerade erst so: "Ich weiß, dass viele Menschen in Afrika das als ungerecht empfinden - und ich teile dieses Empfinden."

Mit diesem Wochenende sollen sich die Dinge nun ändern. US-Präsident Joe Biden kommt mit einem ehrgeizigen Plan, die ganze Welt zu impfen, zum G-7-Gipfel nach Cornwall. Es geht dabei um die Ausweitung der Produktion von Impfstoffen, 500 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer will allein die US-Administration den ärmeren Staaten bis Ende 2022 zur Verfügung stellen. "Es gibt keine Mauer, die hoch genug ist, um uns vor dieser Pandemie oder der nächsten biologischen Bedrohung zu schützen, und es wird weitere geben," sagt Biden.

Die Impfstoff-Diplomatie

Ein Virus in einem Teil der Welt zu bekämpfen, um es in anderen grassieren zu lassen, war schon immer moralisch falsch und medizinisch verheerend. Auch die so dringend notwendige wirtschaftliche Erholung der Welt wird es nicht geben, wenn das Virus nicht auf allen Erdteilen gleichermaßen unter Kontrolle gebracht wird. Unterstützung bekommt Biden vom Gastgeber des Gipfeltreffens, dem britischen Premierminister Boris Johnson. Johnson schlug einen ganz großen Bogen, denn im November findet in Glasgow die UN-Klimakonferenz statt. Man wolle nicht, so Johnson, dass die Vertreter der Entwicklungs- und Schwellenländer dann voller Wut über ihre Zurücksetzung bei der Versorgung mit Impfstoffen anreisen.

Es waren übrigens anfangs - anders als die Europäische Union - die USA und Großbritannien, die den Export von Impfstoffen (und den dafür notwendigen Rohstoffen) aus ihren Ländern faktisch unmöglich machten. Eine regelrechte Impfstoff-Diplomatie dagegen betrieben, bisweilen mit mehr Propaganda als ausreichenden Mengen an Vakzinen, China und Russland. Inzwischen haben auch die USA erkannt, wie hoch der Preis sein wird, wenn sich daran nichts ändert. Die moralischen, wirtschaftlichen, politischen und medizinischen Folgekosten wären viel zu hoch. Das größte Gerechtigkeitsversprechen unserer Zeit darf nicht völlig uneingelöst bleiben.

Aus dem Vorsatz muss in Cornwall Politik werden, aus Ambition Aktion. Jetzt braucht es viel Geld für die Finanzierung der Impfstoffe, Fabriken in Schwellenländern müssen gebaut und betrieben werden. Personal ist zu schulen. Weil man darauf nicht noch Monate warten kann, sollten reiche Länder Teile der von ihnen bereits bestellten Impfdosen spenden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert angesichts der fortdauernden Knappheit, jüngere Menschen, weil sie weniger gefährdet sind, in den Industriestaaten zunächst nicht zu impfen. Auch über diese Forderung sollte der G-7-Gipfel zumindest einmal beraten.

Bleibt die schwierige Frage, ob es zu einer zeitweisen Aussetzung oder gar einer völligen Aufhebung der Impfstoff-Patente kommen soll und muss. Die Vereinigten Staaten sind dafür, Europa ist gespalten, besonders heftig ist der Widerstand bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie fürchtet, dass der technologische Vorsprung Deutschlands bei der so zukunftsträchtigen mRNA-Technologie verloren geht. Das ist ein gewichtiges Argument. Aber zumindest mindern lässt sich der steigende Druck aus den armen Ländern der Welt nur, wenn jetzt der Beweis erbracht wird, dass es auch einen anderen Weg gibt.

Die Welt wird an diesem Wochenende nach Cornwall schauen.

© SZ
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