Feldhamster haben keine Gewerkschaft. Aber wenn sie eine gründen könnten, wären ihre Mitglieder dieser Tage wohl in erhöhter Kampfbereitschaft. Vor ein paar Jahren haben sie schließlich ihre Wohn- und Arbeitsstätte aufgeben müssen, weil Chiphersteller Intel große Pläne hatte: Der US-Konzern wollte eine riesige Fabrik in Magdeburg aufbauen, was so viel Begeisterung in der Bundesregierung auslöste, dass Milliarden-Subventionen zugesichert wurden. Das Vorhaben liegt seit vergangenem Jahr auf Eis, deswegen gibt es bisher nur 400 Hektar ungenutzten Acker in Magdeburg, besetzt wie eine Strandliege durch das Badehandtuch der Amerikaner. Dafür, so wäre von den Gewerkschaftsführern der Hamster nun zu vernehmen, haben sie hier doch nicht ihre Heimat verlassen.
Feldhamster sind vom Aussterben bedroht, und so hat sich Intel auch sorgfältig mit den Tierchen beschäftigt und die identifizierten Vertreter einst von Magdeburg nach Leipzig umsiedeln lassen. In der Hamsterzuchtstation des dortigen Zoos wurden sie aufgefangen und dazu animiert, sich zu vermehren. Und in ihrer alten Heimat tut sich nun was, allerdings kein Fabrikbau: Intel hat die Fläche mit Hilfe der Stiftung Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt an einen Bauern zur Zwischennutzung verpachtet. Ein großes Sonnenblumenfeld ist geplant, an den Rändern allerdings: Maispflanzen. Sie waren vorgegeben, damit sich keine neuen Feldhamsterfamilien ansiedeln. Denn Mais mögen sie nicht.
Ob die Fabrik in Magdeburg tatsächlich noch kommt, wird nicht nur in Hamsterkreisen angezweifelt
Für Intel hat diese Maßnahme ganz pragmatische Gründe: Viel Geld und Aufwand hat das Unternehmen die Feldhamsterabwehr bisher gekostet, denn sie konnten den Acker, auf dem sich sonst gerade nichts tut, nicht einfach so vor sich hinvegetieren lassen. Er musste immer wieder von Grünzeug befreit werden, an dem sich so ein Hamster vielleicht erfreuen könnte. Die landwirtschaftliche Nutzung soll nun eine „Win-win-Situation“ sein, so zitiert die Magdeburger Volksstimme die beteiligten Akteure. Der Tenor: lieber Sonnenblumen als Brachland. Feldhamster wurden allerdings nicht befragt.
Ob die Fabrik in Magdeburg tatsächlich noch kommt, wird nicht nur in Hamsterkreisen angezweifelt. Im Herbst vergangenen Jahres setzte das Unternehmen die Bauverzögerung wegen Sparmaßnahmen im Konzern auf zwei Jahre an, neuer Baustart sollte 2026 sein. Mittlerweile wurden allerdings auch Fabrikvorhaben in Polen und Ohio gecancelt. Und dass US-Präsident Donald Trump die Chip-Herstellung vornehmlich im eigenen Land haben möchte, steigert nicht gerade die Chancen von Intel-Standorten im Ausland. So wird die Aussicht auf 3000 neue Arbeitsplätze in Magdeburg trüber. Im Magdeburger Landtag wurden deswegen unlängst Stimmen laut, die Landesregierung solle sich um den Rückkauf des Intel-Geländes kümmern.
Um Firmen wie Intel ringt man in der Region allerdings wie der Feldhamster um seine Lebensräume. Nachdem er vor Jahrzehnten noch als Plage galt, hat er inzwischen immer mehr Böden verloren: durch intensive Landwirtschaft, Gewerbeansiedlungen und zunehmende Dürre. Aber es gibt auch Erfolgsmeldungen zu verzeichnen. Vor einem Jahr wilderte der Leipziger Zoo zehn selbst gezüchtete Feldhamster auf einem Acker in Nordsachsen aus. Womöglich mit Erbgut aus Magdeburg.

