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Gipfeltreffen:Warum Europa Indien braucht

Cleaning skyscrapers in Mumbai

Ein Land mit großen Plänen: Fensterputzer eines Hochhauses in Mumbai.

(Foto: Divyakant Solanki/dpa)

Beim Treffen der EU mit Indien wird es neben Corona auch um eine engere Allianz gehen. Doch die regierenden Hindu-Nationalisten machen es Europa schwer.

Kommentar von Arne Perras

Indien liefert Bilder des Grauens. So sieht es aus, wenn die Corona-Pandemie außer Kontrolle gerät. Verzweifelte Familien, die in Hinterhöfen ihre Toten verbrennen; Chaos vor den Kliniken; Menschen, die nicht mehr wissen, woher sie den Sauerstoff für ihre Angehörigen nehmen sollen. Die Luftbilder der Krematorien, sie wirken apokalyptisch.

Das riesige Land, das so viel Wert auf Eigenständigkeit legt, braucht auf einmal internationale Hilfe. Geliefert wird sie nicht nur, aber auch aus europäischen Staaten. Einerseits macht das Mut. Solidarität und Beistand scheinen selbst schlimmste Zeiten zu überdauern. Andererseits ist das viel zu wenig. Ein Tropfen im Ozean. Und in den Schmerz der Inder mischt sich nun Zorn über eine Regierung, die es sich zu leicht gemacht und zu wenig vorgesorgt hat.

Der Kampf ums Überleben - er wird auch einen virtuellen Gipfel zwischen der EU und Indien beschäftigen. Allerdings wollen Europas Staats- und Regierungschefs mit Premier Narendra Modi nicht nur über die Schrecken der Gegenwart sprechen, wenn sie sich Samstag per Video beraten. Es soll auch um Chancen nach der Pandemie gehen, also um die Frage, ob Indien und Europa künftig nicht viel enger kooperieren könnten und sollen.

Der Machtzuwachs Chinas bringt Indien und Europa näher zusammen

Eines ist sicher: Man wird sich angesichts der geopolitischen Lage noch gegenseitig brauchen. Aber man sollte sich auch nichts vormachen: Indien war stets ein komplizierter Partner. Und die regierenden Hindu-Nationalisten machen es nicht leichter.

Auch wenn Indien im Schatten Chinas steht, so hat das Land doch so großes Gewicht erlangt, dass es ein Fehler wäre, seine globale Bedeutung zu verkennen. Es sind vor allem strategische Erwägungen, die einen Schulterschluss nahelegen. Der Machtzuwachs Pekings dürfte eine engere Allianz zwischen Indien und Europa geradezu erzwingen. Denn wer sich der Wucht chinesischer Expansion nicht willenlos ergeben will, findet in Delhi einen wichtigen Partner.

Die Grenzkonfrontation im Himalaja war für Indien ein schmerzhafter Weckruf. So stark wie Corona das Land derzeit peinigt, sind die Spannungen mit Peking erst mal aus dem Blick geraten. Dennoch sind sie zukunftsweisend, sie treiben Indien dem Westen zu. Allerdings sollten Europas Staaten jetzt nicht jene Fehler wiederholen, die sie schon im Umgang mit Peking gemacht haben. Es nützt nichts, um der Harmonie willen Differenzen bei Menschenrechten zu ignorieren. Der schöne Schein zerplatzt früher oder später sowieso.

Modi verkörpert die Dominanz der hindu-nationalistischen Bewegung

Indien wird gerne als "natürlicher Partner" des Westens gepriesen, weil es sich als größte Demokratie der Welt präsentiert. Doch das blendet aus, dass in Delhi ein Mann regiert, der autoritär denkt und handelt. Modi verkörpert die Dominanz der hindu-nationalistischen Bewegung. Sie kämpft gegen das pluralistische und säkulare Erbe Indiens.

Festigen sich die Verhältnisse, so wird sich die Welt mit einem "illiberalen Indien" auseinandersetzen müssen, wie es der Politologe Sumit Ganguly beschreibt. Dieser Staat erlaubt Wahlen, doch der Raum für freie Debatten schrumpft, das Klima wird toxisch. Die Toleranz stirbt.

Angesichts solcher Verhältnisse wäre es verlogen, einen Zusammenchluss zwischen Indien und Europa als vorbildliche "Werte-Allianz" zu preisen. Für eine Traumhochzeit sind die Differenzen zu groß. Es bleibt die Aussicht auf ein strategisches Zweckbündnis, um Chinas Expansion zu bremsen.

© SZ/kia
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